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Wo ich Vertrauen ins Leben schöpfe – mein Kraftplatz

Dorothea-Mueth_allesleben_Kraftplatz

Wenn ich eine Auszeit brauche, wenn ich nicht weiß, wie ich mich entscheiden soll, oder wenn mich nach Kontakt mit mir selber hungert, dann gehe ich an meinen Kraftplatz. Es ist ein abgelegener kleiner See. Über einen steilen Pfad gelange ich zu Fuß dorthin und tauche ein in sein weiches Wasser, das mich streichelt, sauberspült, erfrischt. Oder ich sitze auf einem Fels am Ufer und lasse meinen Blick auf der spiegelnden Seeoberfläche ruhen. Hier komme ich zu mir. Hier finde ich heraus, was ich wirklich möchte. Hier schöpfe ich neue Kraft.

Doch was eigentlich macht einen Ort zum Kraftplatz? Was schenkt er mir? Und wie findest du deinen? Dazu dieser Beitrag!

Wiederkommen dürfen – was ein Kraftplatz ist

Mein Kraftplatz ist ein alter Basaltsteinbruch, 30 Meter tief mit Wasser gefüllt und jetzt als Naturschutzgebiet wieder Pflanzen und Tieren überlassen. Er heißt Schwarzer See wegen seiner Tiefe und des dunklen Gesteins. Der schwarze Basalt ist vulkanischen Ursprungs. (Wie mich diese Verschmelzung von Feuer und Wasser fasziniert, habe ich in „Know your landscape – know your job“ gezeigt.) Der Schwarze See ist wenig bekannt, sodass ich dort oft tatsächlich allein bin.

Hier wohnt ein Uhu, surren Libellen, gehen Seerosen auf und zu. Wasserlilien und kleine Erdbeeren wachsen am Ufer, und in der Nachmittagssonne leuchten die Steilwände in warmem Rot. Still liegt der Schwarze See im Wald und bildet einen kleinen Kosmos für sich. Gleich beim ersten Kennenlernen –  zufällig, in anderem Kontext – hat dieser Platz eine Sehnsucht in meinem Herzen berührt. Ich wollte wiederkommen dürfen.

Ich habe meine Kraftplätze immer in der Natur gesucht. Das muss vielleicht nicht sein; ich kann mir auch ein Gotteshaus oder einen besonderen Ausguck in einer Stadt als Kraftplatz vorstellen. Doch ein Kraftplatz braucht zumindest Verbindung zu Himmel und Erde.

Was macht nun aber einen schönen Platz zum Kraftplatz?

Die Wahrheit – was einen Platz zu meinem Kraftplatz macht

Der Schwarze See ist mein Kraftplatz, weil ich ihn dazu erkoren habe. Er ist es geworden, weil ich ihn immer wieder zu allen möglichen Zeiten aufgesucht habe: im Winter bei Nebel und Eis, in der Sommerhitze, abends und im Dunkeln, als der Frühling begann und als es Herbst wurde.

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Ich finde es gut, dass es ein wenig Anstrengung und Weg kostet hinzugelangen. Ich bin achtsam unterwegs. Wenn ich manchmal Freunde mitnehme an den Schwarzen See, wünsche ich mir, dass auch sie den Platz wertschätzen. Denn hier an meinem Kraftplatz lausche ich: Ich bin bereit, die Wahrheit zu hören, und ich gestehe diesem Ort zu, sie mir zu sagen.

Wie? Sie taucht einfach auf in meinem Sinn, wenn ich an meinem Kraftplatz bin. Dort mit allen Sinnen angekommen, kann ich meinen inneren Kern wahrnehmen unter den Schichten von „soll“, „müsste“, meinen Gewohnheiten und den „anderen“. Das, was ich bin und was mir wirklich wichtig ist.

„In uns allen liegt eine Mitte, in der die Wahrheit in all ihrer Fülle ruht. Wissen heißt, dem inneren Leuchten den Weg zu weisen nach draußen.“ (Robert Browning)

Vertrauen ins Leben – was mein Kraftplatz mir schenkt

In den Augenblicken hier spüre ich, wie das Jetzt und die Ewigkeit zusammentreffen. Deshalb ehre ich meinen Kraftplatz: Ich mag hier keinen Müll liegen lassen, nicht gedankenlos daherreden und die Zeit sehr bewusst verbringen.  Und bekomme ich etwas geschenkt.

Eine Freundin erzählt mir von ihrem Kraftplatz: „Ich beobachte eine Ameise, die etwas transportiert, das deutlich schwerer ist als sie selbst.“ Diese Verwunderung schenkt ihr eine wundervolle Erkenntnis: „Alles hat seinen Platz und ich auch.“

Ich selbst habe am Schwarzen See Verschiedenstes erlebt – bedeutsame Tierbegegnungen: eine Kreuzotter schlängelte sich über meinen Pfad zurück vom See und erinnerte mich an die Transformation, die ich in dieser Zeit durchlebte. Höre ich den Uhu uuuen, stärkt er das Vertrauen in meine Intuition. Fasziniert war ich von einem Wiesel, das unbeirrbar, flink und doch ohne Hektik in schrägem Lauf die ganze Steilwand hinaufwetzte.

Das stärkste Erlebnis war der Versuch, hier eine Nacht zu verbringen. Schließlich ist es mein Wohlfühl-Kraftplatz, dachte ich. Vorab: Ich habe es geschafft! Aber ich habe kein Auge zugetan und keinen Muskel entspannt dabei. Karpfen sprangen die ganze Nacht durch wieder und wieder platschend aus dem Wasser, der Uhu uuute, Vögel und Mäuse raschelten eifrig im Laub: Die Natur war so laut, dass ich nicht zur Ruhe kam. Diese Nacht hat mich Respekt vor der Wildnis gelehrt.  Zudem war ich mir keinen Moment sicher, dass die Geräusche nicht doch woanders her kamen, von Menschen. In der Dunkelheit bin ich meiner Urangst begegnet: Wenn ich die Kontrolle aufgäbe und einschliefe,  würden „sie kommen und mich holen“. Und ich könnte dann nichts mehr dagegen tun. Als es hell wurde, kamen zwei Frühschwimmerinnen. Dann konnte ich einschlafen.

Ich bleibe am Schwarzen See immer länger als angenommen und lasse mich ein aufs ewige Werden und Vergehen, ich vergesse die Uhr und nehme stattdessen die Abfolge der Jahreszeiten wahr: Die Sonne, die im Juli alle Ufer erhellt, schafft das im August schon nicht mehr. Die Libellen, die zwei Jahre als Larve ihr Flugleben vorbereitet haben, leben nur wenige Wochen als türkisch schillernde Schöne.  Und ich, wieder hier, doch anders als beim vorigen Mal.

An meinem Kraftplatz verbinde ich mich mit dem Kreislauf-Puls des Lebens: Wenn etwas stirbt, bedeutet das gleichzeitig, dass etwas Neues wird. Die Energie geht nicht verloren, sondern nimmt eine verwandelte Form an. In diesem Wissen kann ich in Liebe loslassen und vertrauen, dass etwas Gutes kommt. Aus der Angst, dass die Zeit mich um meinen Kinderwunsch bringt, ist hier Freude geworden: Vorfreude darauf, Mutter zu werden. Mein Kraftplatz schenkt mir Vertrauen ins Leben.

Einzigartig – kann eine Stadt ihren Kraftplatz haben?

Da ich mich zuletzt viel mit der Überlebensfähigkeit von Städten und ihrer Resilienz beschäftigt habe, noch eine kurze Frage: Kann eigentlich auch ein Gemeinwesen seinen Kraftplatz haben?

Ja! Er liegt aber nicht unbedingt im Zentrum, wo am meisten los ist in einer Stadt. Sondern eher dort, wo die Stadt bei ihrer Einzigartigkeit ist. So ist der Kraftplatz von Neuwied, wo ich wohne, nicht der zentrale Luisenplatz, nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut, wo alle paar Wochen von außen beschickte Event-Märkte stattfinden. Sondern es sind die Treppen am Pegelturm über den Deich. Hier hat sich die Stadt gegen den Rhein und sein Hochwasser verwehrt und geht über die Treppen doch wieder auf Tuchfühlung. Neuwied wurde von Altwied aus gegründet, um die Kraft des großen Stroms nutzen zu können: Der Schiffshandel machte die Stadt groß.

Die Deichtreppen sind Neuwieds Kraftplatz: Im Juni 2017 zum Beispiel feierten hier auf den Stufen und einer schwimmenden Bühne im Fluss 450 Neuwieder einen neuartigen Gottesdienst – mit Tauferinnerung, Wasser- und Deichmeditation.

Für die Region Rhein-Eifel ist der Laacher See ein Kraftplatz. Das Wasser ist klar, das Grün saftig, die Kühe tragen ihre Hörner und die Luft ist rein. An der wassergefüllten Caldera eines leise aktiven Vulkans liegen ein Kloster, Bio-Landwirtschaft und ein spirituelles Zentrum.  Man kann spüren, dass Übende aus allen Himmelsrichtungen hier Kraft schöpfen und ihr Bewusstsein weiten.

Und obwohl ich ihn vielleicht mit vielen teile, kann meinen Kraftplatz mir niemand nehmen. Denn er existiert auch in meinem Bewusstsein. Die Erfahrungen an meinem Kraftplatz sind so eindrücklich für mich gewesen, dass ich mich mit mit dem Platz auch verbinden kann, wenn ich woanders bin.

Wie findest du deinen Kraftplatz?

Dein Kraftplatz ist ein Zufluchtsort, den so nur du kennst. Nimm dir Zeit und Raum und du  findest ihn in deiner Nähe. Er kostet kein Eintrittsgeld. Wenn du da bist, weißt du: Hier ist er.

  • Äußerlich ist dein Kraftplatz ein ruhiger, dennoch lebendiger Ort mit Ausblick oder Tiefblick, wo du innehalten kannst: ein Fels, eine Bank mit weiter Sicht zum Horizont, ein Wasserfall, eine Quelle, ein Platz unterm Sternenhimmel.
  • Innerlich ist dein Kraftplatz einer, wo du dich wohlfühlst und gerne verweilst.  Im Unterschied zum Wohnzimmersofa hat ein Kraftplatz etwas Magisches. Der Platz war schon vor dir da oder ist von einer größeren Kraft gestaltet worden, das wird dir dort bewusst.
  • Du ehrst diesen Platz: Es ist ein Ort, wo du bereit bist zu hören, wo du dir etwas sagen lässt. Der Platz lässt dich liebevoll und achtsam sein.
  • An deinem Kraftplatz kommst du in guten Kontakt mit dir selbst. Du  kommst an in der Gegenwart deines Lebens. Der Kraftplatz füllt dich mit Vertrauen – und was auch brauchen wir mehr?!

Ich bin gespannt, von deinem Kraftplatz zu hören. Wo liegt die innere Mitte deiner Stadt?

Für das aufmerksame Lektorat von Herzen danke an meine Freundin Sonja Plachetta!

2 Kommentare

  1. Andreas sagt

    Liebe Dorothea, ein sehr anschaulicher Beitrag zum „Kraftplatz“ der zum Nachdenken anregt. Interessant ist, daqß Du Kraftplätze ans Wasser verortest, und mir geht es auch gebnau so. Mein Kraftplatz ist an einem fließenden Gewässer , den Blick auf Flora, Fauna und das ruhig fliessende Gewässer. Dort steht man schaut, nimmt wahr, „lässt gut sein“, lässt los“ und entdeckt bei jedem Besuch Neues, das interesseriert macht. Ganz in der Nähe stehen hohe Bäume mirt teilweise freiliegenden Wurzeln. Das läßt mich immer wieder über das „Verwurzelt Sein“ nachdenken.– das Gesamtbild Fluß -Baum über Verwurzelung und „Fliessen lassen“ im Leben. Am Ende jeden Besuches kann ich ein Stück „Klarheit“ und Kraft mitnehmen.

    Die Diskussion über „Resilienz und..(hier „Kraftplatz“ ) in einer Stadt“ ist meiner Meinung nach sehr wichtig.. und msollte facettenreich weitergeführt werden. So freue ich mich schon auf Deinen nächsten Blogbeitrag. Alles Beste !

    • Dorothea sagt

      Kraft finden zwischen Verwurzeltsein und Fließenlassen – schön, dass du diese zwei Aspekte eingebracht hast, Andreas, danke! Ich meine, ein Kraftplatz befindet sich immer in einem solchen Spannungfeld, in dem etwas passieren kann…

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