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Wie ich wieder auf den Hund kam – den kalten

Irdische Freude: Kuchen mit Erdbeeren frisch aus dem Garten, in Keramikform und mit Liebe gebacken. Foto: Dorothea Mueth

Einen Kuchen backen. Ich möchte deine Aufmerksamkeit gewinnen für eine in ihrer Wirkung unterschätzte Tätigkeit. Denn Kuchen backen macht glücklich. Wirk-lich glücklich. Dich und die anderen. Kuchen backen macht Freunde. Einen Kuchen zu backen bedeutet „Danke“ zu sagen.

Darauf gebracht hat mich Hewa, der ich auch danken möchte. Sie winkte vom Balkon schräg über mir herunter. Schüchtern-freundlich-neugierig, ein Mädchen, vielleicht acht Jahre alt. Ich hing im Liegestuhl auf meiner Terrasse, nicht gerade glücklich mit meinem Leben: Ich war gerade zurück von einer auswärtigen Weiterbildung, während der die Liebe fett in die Brüche ging, außerdem arbeitslos. Ich wusste also gar nicht so genau, wo ich anfangen sollte, um in mein Leben eine neue Struktur zu bringen.

Na, los, Willkommenskultur!

Immerhin hatte ich einen Kuchen gebacken, den ich in diesem Moment verdrückte. Schweizer Rübli: gesund mit Möhren und Haselnüssen, ohne extra zugegebenes Fett. Zugenommen hatte ich in der letzten Zeit ja genug… Moment mal! Dieses Mädchen kannte ich doch noch gar nicht, oder? Hatte ich während meiner Abwesenheit neue Nachbarn bekommen?

Ich winkte zurück und von diesem Moment an blitzten mir die Impulse nur so durch den Kopf: Sie sah ausländisch aus, schwarze Haare und Augen, dunkler Teint – syrisch? Von der Flüchtlingswanderung nach Deutschland hatte ich in den vergangenen Monaten nur in den Medien gehört – nie Zeit gehabt, persönlich etwas zu tun – aber jetzt, oder?! „Na los, Doro, Willkommenskultur!“ Diese Stimme in mir war stärker als Erschöpfung und Selbstmitleid und ich schon in der Küche:

Ein paar Stücke rasch auf eine Platte gelegt, mit Sahne und Minze dekoriert, ein Welcome-Schildchen reingesteckt und damit die Treppe hoch. Beim Klingeln ein wenig Herzklopfen: Wie würde das ankommen? War meine Idee, den Kuchen zu teilen, womöglich zu fix und kurz gedacht?

Es kam perfekt. Nicht nur das Mädchen, das sich mir als Hewa vorstellte, freute sich, sondern auch seine Familie. Mutter und Kinder waren tags zuvor aus Syrien angekommen, nachdem der Vater Aufenthalt und Wohnung in Deutschland organisiert hatte. Sie luden mich zum Teetrinken ein…

Das macht reich: Selbstfürsorge, Handlungsmacht, Gebenkönnen

Es entstand eine nettes nachbarschaftliches Verhältnis. Mit der Mutter, Lehrerin von Beruf, konnte ich Französisch plappern, der Familie meine Stadt zeigen bei gemeinsamen Ausflügen. Und so einige gefüllte Teller wanderten nach diesem ersten Kontakt das Treppenhaus wieder runter oder hoch.

Sokse - das sind Butterkekse, Kakao, Kokos und Fett vermischt und erkaltet in Stücke geschnitten. Ein Kuchen ohne Backen, aber nicht ohne Rühren. Foto: Dorothea Mueth

Sokse – das sind Butterkekse, Kakao, Kokos und Fett vermischt, zur Rolle geformt und erkaltet in Stücke geschnitten. Ein Kuchen ohne Backen, aber nicht ohne Rühren! Foto: Dorothea Mueth

Dank Hewas Familie bin ich auf den Sokse-Geschmack gekommen. Sokse ist die arabische Form von Kaltem Hund – meinem Lieblingsgeburtstagskuchen in Kindertagen! Na, werden da auch bei dir leckere Erinnerungen und Gelüste wach?

Es ist wirklich so: Wenn ich nicht recht weiß, was ich mit mir anfangen soll –  weil weder Bildschirm noch Telefon, Rausgehen, Lesen oder Fleißarbeiten dran sind – dann ist es immer eine gute Idee, einen Kuchen zu backen:

  • Kuchen backen ist konkret: Du bearbeitest Materie, verwertest saisonale Ernte oder Zutaten aus dem Vorratschrank. Das erdet.
  • Kuchen backen ist überschaubar: Nach ein bis zwei Stunden ist ein sichtbares Werk vollendet.
  • Kuchen backen macht glücklich: Es gibt das Gefühl, für sich selbst gut zu sorgen. Schmackhaftes Essen befriedigt. Und ja! Die Süße im Kuchen setzt auch Glückshormone frei.
  • Kuchen backen macht reich: Du kannst dein Werk teilen, anderen damit eine Freude machen, sie zum gemeinsamen Verspeisen einladen. Ein Kuchen ist eine schöne Form, Gaben zu ehren und zu teilen. Einen Kuchen bäckst du nie für dich allein. (Manchmal weißt du allerdings beim Werkeln noch nicht, für wen du bäckst – wie ich beim Rüblikuchen.)

Um das Back-Werk versammelt sich Gemeinschaft

Die Bäckerin hat eine entscheidende energetische Aufgabe dafür, einen Energiekreislauf zu vollenden. Das habe ich bei der Beschäftigung mit den „universellen weisen Künsten“ verstanden. In dem Buch „Göttinnenzyklus“ stellen Ulla Janaschek und Cambra Maria Skadé das Backen so dar:

Diese Tätigkeit steht am Ende einer langen Kette von Einsätzen. Das Korn wurde zuvor gesäht, gegossen, gedüngt, ist gereift. Es wurde dann geschnitten, gedroschen und zu Mehl vermahlen, bevor die Bäckerin daraus einen Teig für Kuchen oder Brot knetet. Sie braucht Liebe und Achtsamkeit für den Teig und für den Ofen, damit das Werk gelingt. Du kennst das: Ist der Ofen zu heiß, wird das Brot schwarz, ist er zu kalt, dann geht der Teig nicht auf oder kommt mit einem klitschigen Streifen aus dem Ofen.

Kuchenbacken braucht Hingabe und Aufmerksamkeit. Sonst gelingt er trotz Rezept nicht. Foto: Dorothea Müth

Kuchenbacken braucht Hingabe und Aufmerksamkeit. Sonst gelingt er trotz gutem Rezept nicht. Foto: Dorothea Müth

Wenn der Kuchen noch im Ofen ist, es aber im Haus schon gut duftet, fragen die Nachbarn oder Mitbewohner, was das denn wird? Sie freuen sich darauf. Die Bäckerin oder der Bäcker versammelt die Gemeinschaft um sich mit ihrem Werk. Sie/er steht aber nicht selbst im Mittelpunkt, sondern stellt Können zur Verfügung, damit wir in Gemeinschaft zusammen kommen.

Willkommenskultur und Gastfreundschaft war auch das Thema auf dem Nationalen Stadtentwicklungskongress „Städtische Energien – Zusammenhalt gestalten“ in der Rede von Margot Käßmann. Ich habe dort erfahren: In Deutschland laden immer weniger Menschen andere zu sich nach Hause zum Essen ein. Stattdessen trifft mensch sich im Café oder Restaurant. Am Ende kommt die Bedienung mit der Rechnung: „Zusammen oder getrennt?“ Ich antworte da gerne: „Komm, wir legen zusammen.“

Dies ist ein Beitrag von Dorothea Müth

Ich habe schon als Kind gern gebacken. Dann als Jugendliche zu Geburts- und anderen Feiertagen mit Feuereifer aufwändige Backwerke verschenkt wie Schoko-Traum-Torte oder  Schweizer Nusswähe, deren Herstellung mehrere Tage dauerte. Diese Leidenschaft hat bis heute nie aufgehört: Am besten gelingen mir Mürbteig-Obstkuchen, Gemüse-Quiches und Hefebrot, alle mit spontan zusammengestellten Zutaten. Am liebsten esse ich Schokoladiges wie Russischen Zupfkuchen, Spanische Vanille, Birne-Kakao. Ein Sonntag ist nur ein richtiger Sonntag mit einem Stück Kuchen!

Warum bäckst du? Oder bäckst du nicht? Welcher Kuchen kommt garantiert bei allen gut an? Ich freue mich auf das, was du teilst :-)

Lektorat: Andreas Fischer – danke!

5 Kommentare

  1. Ein schöner Text übers Backen und Teilen! Mach ich viel zu selten. Aber letztens, überrollt von Hokkaido-Kürbissen, da entstand plötzlich ein (veganer) Kuchen aus Kürbis! Lecker! Mit Hafermilch, gemahlenen Mandeln und mehr. Liebe Grüße!

    • Dorothea sagt

      Liebe slk,
      danke! :) War die Zutatenmischung für den Kürbiskuchen auch spontan improvisiert oder gibt es ein Rezept? Ich hab in der Situation neulich Apfel-Kürbis-Ingwer-Marmelade gemacht, in viele kleine Gläser, damit ich verschenken kann 😉

  2. Astrid sagt

    Liebe Dorothea,
    schöne Gedanken, liebevoll in Worte gefasst… Ich teile gerne Deinen Blog und Deinen Kuchen mit Dir :-) …und hoffentlich mit vielen anderen.
    Macht Lust, meine Lieben zu verwöhnen – mal sehen, was ich als Nächstes aus dem Ofen zaubere! Liebe Grüße!

  3. Birgit Meinke sagt

    Liebe Dorothea,
    da sprichst du mir so aus der Seele!
    Ja Backen ist meditativ und macht glücklich!
    Mein wöchentliches Backritual für den Donnerstagnachmittag ist mir extrem wichtig und wenn ich dann sehe wie schnell der Kuchen von allen ,am Besten noch bei einem guten Gespräch,verspeist wurde,bin ich einfach happy.

    Danke für den tollen Beitrag

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