essen, Körper, Ritual, Schaufenster
Kommentare 2

Schmecke und iss… dass es eine wahre Lust ist!

Tali europaeisch. Foto: Dorothea Mueth

Ich schreibe heute über eine meiner größten Leidenschaften. Und ich bin sicher, es ist auch eine deiner Lieblingsbeschäftigungen: Essen! Mmmm, lecker… eine wichtige Quelle von Befriedigung und Erfüllung ist das.

Tali europaeisch. Foto: Dorothea Mueth

In dieser Mahlzeit schmecke ich die ganze Erde.

Essen hält uns wach, lebendig und leistungsfähig. Jede*r hat etwas, das sie liebt und er überhaupt nicht mag. Italienisch, Sushi oder „gutbürgerlich“ – worauf hast du heute Lust? Wir wünschen uns Abwechslung und wählen aus. Wir verabreden uns für ein Wiedersehen im Restaurant. Essen markiert den Start in den Tag, die Pause bei der Arbeit, den Feierabend. Doch trotz dieses zentralen Stellenwerts passiert es schnell, dass wir dabei etwas anderes tun.

Warum ist Essen oft Nebensache?

Smsen, blättern, diskutieren wir dabei, weil Nahrungsaufnahme nichts Besonderes ist? Weil Essen, seit wir denken können, immer wieder geschieht, automatisch? Oder etwa, weil wir uns keine Pause gönnen? Gestehen wir es uns zu, einfach nur zu essen, nur diese eine Sache zu tun?

Ich zum Beispiel: Ich checke und bediene meine Social-Media-Kanäle beim Frühstück. Am Wochenende verabrede ich mich gerne zum Brunch mit einer alten Freundin – da sie weit weg wohnt, „treffen“ wir uns dazu am Telefon oder auf Skype. Unter der Woche komme ich öfter nur im Auto zwischen zwei Terminen zu meinem Mittagsbrötchen. Beim Tippen stopfe ich Süßes in mich hinein, und zwar umso mehr, je näher die Abgabefrist rückt. Und abends entspanne ich bei Pizza und Film. So hatte ich mir das mal angewöhnt in Zeiten, als ich alleine lebte und viel unter Druck arbeitete.

Zufrieden war ich allerdings selten nach dem Essen. Nicht einmal satt. Höchstens voll. Und trotzdem dachte ich bald begierig an den nächsten Snack.

Das waren auch die Zeiten, in denen ich zunahm – selbst wenn ich es zwischendurch mit viel Salat, Obst und Nüssen statt Schokolade versuchte.

Glücklicherweise gab es auf meinem Weg ein paar Erfahrungen und Erkenntnisse, die mir ermöglichen jetzt – meist – anders zu essen: bewusster, wertschätzender, genussvoller!

Haende voll Brombeeren. Foto: Dorothea Mueth

Brombeeren frisch gepflückt im August im Westerwald: Das genieße ich ganz bewusst…

Achtsamkeit beim Essen macht glücklich

  • Wenn ich bewusst esse, bin ich auch bewusst satt: Ich kommuniziere dann feiner mit meinen Bedürfnissen, meinem Appetit, Hunger und Völlegefühl. Ich spüre und achte, was ich wirklich brauche und wann es genug ist.
  • Die Verdauungskraft ist stärker, wenn ich nur esse. Es ist erwiesen, dass man unter Stress deswegen zunimmt, weil dann die Verdauung schlechter ist. Das ist logisch: Sitzen wir am Computer oder Steuer, ist der Körper ist auf eine andere Leistung konzentriert. Er kann dann nicht mit voller Kraft die Nahrung aufspalten und bestmöglich verwerten.
  • Ich habe mich gefreut aufs Essen, auf die Pause, auf das, was ich mir ausgesucht habe! Jetzt ermögliche ich mir mit Achtsamkeit, diesen Moment zu feiern.
  • Ich kaufe nur das an Nahrungsmitteln, was ich (ver)brauche. Im Moment bringt mich das sehr begrenzte Hartz-IV-Budget dazu, diesen Vorsatz wirklich umzusetzen. Eine gute Schule! Ich besorge einmal wöchentlich Lebensmittel, überlege und notiere vorher, was ich konsumieren möchte. So schaffe ich es, größtenteils ökologisch und fair einzukaufen.

Ich finde die Kultur der nordamerikanischen Indianer dazu inspirierend und hilfreich: Sie haben nicht Tausende Bisons erschossen, um ihnen bloß das Leder abzuziehen. Wenn sie ein Tier erlegten, haben sie alles verwendet: das Leder für Kleidung, das Fleisch auch getrocknet als Wintervorrat, die Hörner als Wasserbecher, die Zähne als Schmuck… Es gab praktisch keinen Müll. Denn:

„Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns.“

Fruechtemandala. Foto: Dorothea Mueth

Mein Teller ist reich gefüllt – auch in der Fastenzeit.

Für mich ist immer reich gesorgt

  • Es heißt, dass man in einem Bissen die ganze Erde schmecken kann. Es lohnt sich, gerade bei den ersten Happen alle Sinne dafür einzusetzen, das zu erfahren: Sieh wie bunt, rieche wie duftend, höre wie brutzelnd, taste wie einzigartig und schmecke wie köstlich dieses Mahl ist.
  • Die meisten Essen-Fotos in den sozialen Medien, die sich selbst „foodporn“ schimpfen, sind Ausdruck dieser Freude: Mir ist ein leckeres Gericht gelungen oder serviert worden!
  • Fülle habe ich kurioserweise ausgerechnet beim Fasten entdeckt: Ich nahm zehn Tage lang „nur“ Obst und Gemüse zu mir. Anfangs war ich auf den Kaffee-Entzug und anderes „nicht Dürfen“ fokussiert. Aus einer Laune heraus habe ich mir die Diätkost „wenigstens“ schön angerichtet als Mandala auf einem großen Teller. Überraschung: Aus „den paar Rohkost-Schnitzen“ wurde eine prachtvolle Blume, die mich restlos satt gemacht hat.
  • Mutter Natur beschenkt uns: Löwenzahn, Sauerampfer, Kirschen, Beeren, Quitten, Birnen, Äpfel und Walnüsse reifen in viel mehr Fülle, als wir ernten. Unsere Kreativität ist gefragt dafür, dieses Geschenk anzunehmen. Ich lernte: Aus Äpfeln kann man nicht nur Saft, Mus und Kuchen machen – sondern auch Suppe (z.B. mit Süßkartoffeln und Ingwer), Apfelringe trocknen und Spalten einfrieren für frische Pfannkuchen später im Jahr.
Apfeltasche. Foto: Dorothea Mueth

Noch vor dem ersten Frost auf einer Streuobstwiese gesammelt: Die Natur versorgt uns oft großzügiger, als wir ernten mögen. Danke.

Danken verbindet

  • Selbst, wenn du es allein für dich gekocht hast – zu dem Essen vor dir auf dem Teller haben sehr viele beigetragen: Pflanzen und Tiere, Mineralien, Bauern, Bäuerinnen und Speditionen, Supermarktangestellte und nicht zuletzt du selbst. Sie haben dies an vielen Orten der Erde getan, unter unterschiedlichen Bedingungen, und all diese Energie kommt hier zusammen. Allen gebührt Wertschätzung.
  • Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir besser schmeckt und bekommt, wenn ich mich mit allen Beitragenden gedanklich verbinde, bevor ich mich über das Essen hermache. Inspiriert vom buddhistischen Philosophen Thich Nath Hanh halte ich inne mit Worten wie diesen:

Ein Lächeln allen, die hierzu beigetragen haben. Ein Lächeln denen, die mit mir am Tisch sitzen, und ein Lächeln mir. Ich weiß, dass das, was jetzt bunt, gesund und warm vor mir steht, auch viel Leid erhält. Ich werde etwas dafür tun, dass allen Lebewesen gute Nahrung zu Verfügung steht.“

  • Meinen Dank und dieses Versprechen lasse ich deutlich vernehmen. Denn es heißt, dass laut Ausgesprochenes mehr Wirkung hat, auch in öffentlichen Räumen. Gerne bilde ich dazu mit den Händen einen Segensraum für die Mahlzeit.
  • Eine andere Möglichkeit ist, nach dem Essen zu danken, wenn du satt bist. Vielleicht mit Thich Nath Hanhs Worten der Achtsamkeit und Verbindung:

Ich danke meinen Eltern, meinen Lehrerinnen und Lehrern, meinen Freundinnen und Freunden und allen Lebewesen, die mich unterstützen.“

Ich gönne dir und uns genießerisches Essen! Lass uns in dieser Weisheit sein:

„Wenn ich esse, dann esse ich.“

Mögen wir Sinnenfreude erleben mit der wundervollen Vielfalt und dem Kreislauf des Lebens, das uns so großzügig versorgt!

Fruehstuecksglueck. Foto: Dorothea Mueth

Und alle Sinne essen mit… Frühstücksglück!

Ich & Essen

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der wir immer gemeinsam und am Tisch gegessen haben, wofür ich sehr dankbar bin. Auch dafür, dass das Essen gerecht verteilt wurde: Es bekam also nicht der am meisten, der am schnellsten schlang, sondern meine Mutter gab die zweite Runde aus, wenn alle soweit waren.

Solche Praxen schreiben sich tief in den Organismus ein. Ich habe auch eine mitgenommen, die mich immer noch beschäftigt: Die Süßigkeiten waren in einem unerreichbar hohen Schränkchen verschlossen. So haben meine Geschwister und ich uns angewöhnt, „eigene“ Süßigkeiten zu kaufen und diese heimlich zu essen.

Mein Verhältnis zum Essen ist auch von der Ayurveda-Lehre geprägt, die eine ausgleichende, frische, energetisch reine Ernährung als Schlüssel zu Gesundsein und Heilung sieht. Interessant war die Erfahrung im Ashram: Zum Mittagessen um 12 Uhr rief ein Horn alle zusammen, wir setzten uns in einen Kreis auf den Boden, die Teller wurden reihum gefüllt, und wir aßen darüber gebeugt mit der Hand – gar keine Chance also, etwas nebenher zu machen.

Immer wieder beflügelt mich meine Liebe zum Kochen dazu, wahrlich genussvoll zu essen: Besonders gern kreiere ich fantasievolle Salate, Gemüsecurrys, indische Talis und Gebäck.

Dies ist ein Beitrag (Text, Fotos) von Dorothea Müth. Lektorat: KatrinK – danke!

2 Kommentare

  1. Susanne sagt

    Bewusst einkaufen, kochen und essen tut so gut. Selber ernten ist natürlich auch toll. Bei dem grauen Regenwetter momentan bin ich jeden Morgen froh, wenn ich den Sommer mit selbstgemachter Marmelade zurückholen kann. Kennst du http://mundraub.org/?
    P.S. Schön geworden!

    • Dorothea sagt

      Liebe Susanne, danke für dein Feedback und besonders für den wertvollen Link zu Mundraub! Ja, kenne ich, nutze ich, habe ich auch schon erweitert mit eigenem Eintrag zu Stellen, wo mensch von der Natur gratis Früchte geschenkt bekommt. Hat in dem Blog-Post noch gefehlt!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *