Entwicklung, Resilienz, Transformation
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Resiliente Stadt?! Best Practices aus drei Orten Deutschlands

Gemeinsame Freude, gemeinsame Stärke: Wenn wie in Delitzsch das Stadtleben partizipativ entwickelt und gestaltet wird, stärkt das die Resilienz des Gemeinwesens.

Als Stadt große Veränderungen gesund zu überleben, ist ganz schön herausfordernd.  Sieben quer durch die Gesellschaft reichende Faktoren zeigen an, wie gut eine Kommune mit Krisen wie Zuwanderung oder dem Ende fossiler Energiequellen umzugehen vermag. Resilienz braucht besondere Ideen, Mut zu Neuem und gemeinschaftlichen Einsatz: Ich stelle Best Practices aus drei Orten in Deutschland vor, die so ihre Resilienz erfolgreich gestärkt haben. Sie haben 2016 und 2015 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis erhalten oder wurden dafür nominiert.

Energiessparen ist Gewinn auf allen Ebenen

In Karlsruhe (Ba-Wü, 303 000 Menschen) hat nachhaltige Stadtentwicklung eine besonders soziale Ausrichtung. Das zeigt das Projekt Energiesparbildung: In einen Fonds zahlen Unternehmen freiwillig einen Ausgleich für ihren CO2-Ausstoß ein. Das Volumen hat sich vom ersten aufs zweite Jahr verfünffacht (75 000 Euro für 3 500 Tonnen CO2). Davon finanziert Karlsruhe Weiterbildung, Jobs und Technik: Menschen, die sonst schwer eine Arbeit finden würden, erhalten eine Schulung und beraten dann bildungsferne Haushalte zum Energiesparen. Diese wiederum bekommen dazu gratis Zeitschalter und LED-Lampen.

Eine Klimaschutzagentur organisiert branchenspezifisch Runde Tische zum Energiesparen – etwa in Hotellerie, Pflege oder Backgewerbe. In einem Pilot-Gewerbegebiet berät sie außerdem Unternehmen zur lokalen, eigenen Energieerzeugung, bei der sich die Investition schon in vier Jahren amortisieren soll. Die individuellen Bedürfnisse der Akteure prägen den Energieverbrauch – nur wenn sie einbezogen sind, kann die Energiewende erfolgreich sein.

Karlsruhe ist Stadt von allen für alle

Begegnung und Mitgestaltung sind in der Stadt verwurzelt: Hier diskutieren Karlsruher über ihre Visionen für die Oststadt. Foto: Quartier Zukunft / KIT

Begegnung und Mitgestaltung sind in der Stadt verwurzelt: Hier diskutieren Karlsruher über ihre Visionen für die Oststadt. Foto: Quartier Zukunft / KIT

Auffallend ist in Karlsruhe die Vielfältigkeit bürgerschaftlicher Mitgestaltung bei der Stadtentwicklung, die eine lange Tradition hat und zu der die Politik steht. Das macht robust in Krisen. Umweltbürgermeister Klaus Stapf:

„Wir fördern Partizipation auch, wenn die Forderungen der Menschen unbequem sind.“

  • Das internationale Begegnungszentrum ist von Migranten-Vereinen, Stadtverwaltung, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden gemeinsam getragen und existiert schon seit 20 Jahren. In den Stadtteilen gibt es öffentlich finanzierte Bürgerzentren für die Mitgestaltung des Lebensumfelds.
  • Der Kinderpass ermöglicht Kindern aus armen Haushalten in Karlsruhe und vier Nachbarstädten, vergünstigt an Sport-, Kreativkursen und anderen Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Mit dem mobilen Kinderbüro kommt die Stadtverwaltung zu den Kindern, z.B. auf den Spielplatz, um Wünsche und Kritik zu erfahren. Daher sind in Arbeit: Fahrradverleih und Spielecken in Restaurants. In dieser Wertschätzung erfahren Kinder sich früh als selbstwirksam.
  • In Karlsruhe ist eine von deutschlandweit 23 Regionalgruppen für Gemeinwohlökonomie aktiv. Sie fördert und zertifiziert ethisches Wirtschaften mit dem Ziel eines guten Lebens für alle. Beim von Einwohnenden gestalteten Radio Querfunk beteiligen sich fast 100 Nutzer, das sind vergleichsweise viele: Wer über die Geschehnisse in seiner Stadt recherchiert und aus unterschiedlichen Blickwinkeln berichtet, übernimmt aktiv Verantwortung. Es macht den öffentlichen Diskurs vielfältig.
Fazit Karlsruhe: Die Stadt punktet besonders bei den Resilienz-Faktoren Energiekompetenz, soziale Durchlässigkeit, Vielfalt!

Vom Glanz hoher Ziele…

Die 26 000-Menschen-Stadt Delitzsch (Sachsen) hat anders an Resilienz gewonnen und sich dazu auf ihre eigene Art motiviert: individuell und vor Ort, am Arbeitsplatz oder Zuhause.

Energietreffs im Wohngebiet haben den Menschen die Energieeffizienz-Idee niedrigschwellig nahegebracht. In Delitzsch wird nun mehr Ökostrom erzeugt als verbraucht. Ein Erneuerbare-Energien-Pfad zieht auch Studierende und Fachleute von außerhalb an.

Mit dem Leitbild „Stadt der kurzen Wege“ hat Delitzsch sich als Fahrradstadt definiert. Ein Radwegekonzept soll den Berufsverkehr aufs Fahrrad  bringen und Freizeitradler anzulocken – in zwei Jahren ist der Radtourismus um 20 Prozent gestiegen.

In der Stadt unterwegs? Natürlich per Fahrrad. Mit einem Radwegekonzept und -ausbau will Delitzsch den Berufsverkehr auf die Pedale holen.

In der Stadt unterwegs? Natürlich per Fahrrad. Mit Radwegekonzept und -ausbau will Delitzsch den Berufsverkehr auf die Pedale holen.

Mit all dem soll sich der CO2-Ausstoß bis 2020 um 75 Prozent reduzieren im Vergleich zu 1990. Aktuell fehlen davon nicht einmal mehr 5 Prozent. Bundesweites Ziel sind nur 40 Prozent weniger Emissionen. Zweimal hat Delitzsch damit schon den European Energy Award Gold geholt. Die Erfolgsstrategie ist klar, so Wirtschaftsfördererin Ricarda Steinbach:

„Wir nutzen Wettbewerbe, um uns bestmöglich aufzustellen. So packen wir das Herz der Stadt.“

Gemeinsame Freude, gemeinsame Stärke: Wenn wie in Delitzsch das Stadtleben partizipativ entwickelt und gestaltet wird, stärkt das die Resilienz des Gemeinwesens.

Gemeinsame Freude, gemeinsame Stärke: Wenn wie in Delitzsch das Stadtleben partizipativ entwickelt und gestaltet wird, stärkt das die Resilienz des Gemeinwesens. Foto vom Jugendkulturtag: Stadt Delitzsch

… und Bodenhaftung: Delitzsch

Bei den Lebensmitteln profitiert der Ort von frühen Vorkämpfern:  Es gibt hier besonders viele Agrargenossenschaften, denn aus Delitzsch stammt der Mitbegründer des Genossenschaftswesens  Hermann Schulze-Delitzsch. Bei 1750 Schrebergärten kommt einer auf 15 Personen. Für Energienachschub in Krisenzeiten sorgt außerdem eine Schokoladenfabrik!

Fazit Delitzsch: Die Stadt ist Vorbild bei den Resilienz-Faktoren Energiekompetenz, Nahrungsmittelversorgung und Ganzheitlichkeit.

Barnstorf: Zusammenrücken zugunsten des Grüns

Das Dorf Barnstorf (12 000 Menschen, Niedersachsen) hat sich beeindruckend konsequent für Naturschutz statt schnellem Geld beim Flächenmanagement entschieden und wurde dafür EU-weit als Modell gelobt: Über fünf Jahre hat die Gemeinde keine Neubaugebiete ausgewiesen. Parallel konnte der Bürgermeister durch persönliche Gespräche die Hälfte der Eigentümer von Baugrundstücken im Ort überzeugen, diese zu verkaufen oder zu bebauen. Zum Vergleich: Woanders beträgt die Erfolgsquote beim „Baulückenschluss“ nur zehn Prozent.

Kluges, ganzheitliches Flächenmanagement: Die Solarmodule und Windräder, Barnstorf unabhängig von fossilen Energien machen, stehen in einem Umwelt-Erlebnis-Zentrum. Alle leben nah am Grünen.

Kluges, ganzheitliches Flächenmanagement: Die Solarmodule und Windräder, Barnstorf unabhängig von fossilen Energien machen, stehen in einem Umwelt-Erlebnis-Zentrum. Alle wohnen nah am Grünen.

Mit jungen Familien, die so in die Mitte statt an den Rand gezogen sind, ist der Ort viel lebendiger geworden. Barnstorf ist buchstäblich zusammengerückt. Bürgermeister Jürgen Lübbers:

„Eine Planung auf ein Neubaugebiet draufzulegen geht zwar schneller. Aber wenn man alle Kosten zusammenrechnet, ist Flächenrecycling trotzdem günstiger. Die sozial-ökologische Grundorientierung habe ich inzwischen verinnerlicht.“

Angestoßen hat den Bewusstseinswandel die Schließung der Kaserne und Nachdenken über mögliche Nutzungen des Geländes. Eine Befragung ergab: Die Barnstorfer lieben ihr Grün ums Dorf. Lübbers erkannte die Chance, das zu erhalten. In diesem Sinn agiert er ganzheitlich und intrinsisch motiviert: Sein persönlicher Einsatz ist ein Beispiel für die von e3g geforderten Qualitäten Resilienz-bewussten Bürgermeister „political strength, bravery and leadership“.

Barnstorf ist unabhängig von fossilen Brennstoffen und hat dieses 2008 noch ehrgeizig erscheinende Ziel schon nach sieben Jahren erreicht. Eine Qualifizierung von Klimaschutzmanagern hat die Gemeinde selbst organisiert, ein Umwelt-Erlebnis-Zentrum sammelt darüber hinaus Sympathien.

Fazit: Barnstorf punktet bei den Resilienz-Faktoren mit Ganzheitlichkeit, intrinsischer Motivation und Energiekompetenz.

Was lässt sich abgucken?

1) Inspirierend beim Blick auf alle drei Kommunen finde ich eine Praxis, die ich Energy Mainstreaming nennen möchte! Das ist deutlich mehr als etwa ein Arbeiten mit 100 Prozent Ökostrom in der Verwaltung. Nein, Energie- und Bewusstseinswende sind an diesen drei Orten in der Ver-Antwortung vieler: Sie sind lebendiger Bestandteil von Wirtschaftsförderung, Bildungsangeboten, Arbeitsplatzpolitik, Integration, Stadtfesten. Energiekompetenz wirkt somit als Katalysator für andere Resilienz-Faktoren.

2) Gemeinschaft, Vielfalt, Begegnung, Nähe: Alle Orte haben eigene Formate entwickelt, in denen soziale Integration mit Wertschätzung auf Augenhöhe gelingt. Der Stellenwert dieses Resilienz-Faktors zeigt sich auch bei den Jurybegründungen für den Nachhaltigkeitspreis: Einsatz und Ideen für Integration haben 2016 gegenüber rein ökologischen Leistungen zunehmend mehr Gewicht bekommen.

Jetzt geht der Ball an dich: Was an der Infrastruktur in deiner Stadt magst du besonders und gibt dir Vertrauen in die Zukunft? Welches Projekt ist dir irgendwo so aufgefallen, dass du es zum Nachahmen empfiehlst?

Ich freue mich auf mehr Best Practices!

Dies ist ein Beitrag von Dorothea Müth

Ich benutze ‚Stadt‘, ‚Gemeinwesen‘ und ‚Kommune‘ hier bewusst synonym. Dies erinnert an die Ursprungsidee der Begriffe und daran, dass gute Lebensqualität gemeinschaftlich zu organisieren ist.

Den Stadt- und Projektvorstellungen liegen ausführliche Recherchen zugrunde – u.a. jeweils ein Interview mit Bürgermeister/in oder Referatsleiter/in für Nachhaltigkeit.

Lektorat: Andreas Fischer – danke!

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