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Know your landscape – know your job

Der Laacher-See-Vulkan bricht aus. Und noch 13.000 Jahre später prägt das unser Leben - das begreift der Besucher mit Haut und Haar im Lava-Dome Mendig. Foto: Dorothea Müth

Joggen, Sauna, Schäfchenzählen: Es gibt viele Arten abzuschalten und runterzukommen, wenn du Stress hast. Eine besonders wirksame Art wieder ins Gleichgewicht zu kommen ist: deinen Platz in der Landschaft zu finden. Damit meine ich dies:

Wer ist hier der Chef?

Geh raus und erkunde, wer hier wirklich das Sagen hat. Wenn die kritischen und fordernden Stimmen in deinem Kopf nicht mehr verstummen, wenn du dich Aufgaben nicht gewachsen fühlst… dann geh auf einen Turm, einen Berg oder eine Brücke. Fühle, höre, beobachte mit allen Sinnen: Wer ist hier der Chef? Ist es das Meer, ist es der Rhein, sind es die Autos, die Wolken oder die Sonne?

Da, wo ich wohne – am Mittelrhein zwischen Köln und Koblenz – sind es die Vulkane. Ja, immer noch!

Wie mächtig und umwälzend die innere Dynamik der Erdkugel im Vergleich zu den menschlichen Innovationen ist, wurde mir mit Haut und Haar im Lava-Dome in Mendig in der Eifel klar: Er führt die Ausbrüche Wingertsbergvulkans vor 200.000 und des Laacher-See-Vulkans vor 13.000 Jahren vor. Bequem lässt man sich für die 3D-Show zunächst auf einem Sitzwürfel nieder, den Berg in sicherer Entfernung… Wie fühlt sich ein Vulkanausbruch an?

Fern und nah außer Kraft gesetzt

Die Umgebung ist auffällig ruhig. Die Tiere haben sich in Vorahnung etwas Bedrohlichen schon zurückgezogen. In der Luft zieht ein Sturm auf. Sekunden später Wetterleuchten, der Boden bebt…  Man wird ergriffen von der Eruption, um die Ohren rauscht es, oben und unten, fern und nah außer Kraft gesetzt. „Tagelang regnet es Bims und Asche“, sagt eine Stimme beim Ausbruch des Laacher-See-Vulkans. Und dass die Rauchsäule 30 Kilometer hoch in den Himmel steigt.

Es regnet tagelang Bims und Asche, wenn ein Vulkan ausgebrochen ist. Die 3D-Show im Lava-Dome Mendig lässt das fühlen. Foto: Dorothea Müth

Tagelang regnet es Bims und Asche, wenn ein explosiver Vulkan ausgebrochen ist. Die 3D-Show im Lava-Dome Mendig lässt das fühlen. Foto: Dorothea Müth

Glühend gelb rollt eine Magmalawine den Wingertsberg hinunter, übermächtig schön. Es dauert Monate, bis die 15 Meter dicke Lavaschicht um Mendig nach dem Ausbruch abgekühlt ist. Und Jahre, bis wieder etwas wächst.

Er schläft nicht: Wir leben auf einem unruhigen Planeten

Zwar ist in Deutschland schon seit dem Ulmener Maar vor 11.000  Jahren kein Vulkan mehr ausgebrochen. Doch das heißt noch lange nicht, dass etwa der Laacher-See-Vulkan schläft, gar für immer. Im Laacher See (und in der Umgebung) blubbern permanent vulkanisch entstandene Gase an die Wasseroberfläche. „Mofette“ heißt solch ein Austrittspunkt. Hier zischt und klimpert es, kontinuierlich, eigenwillig, unüberhörbar. Wo Mofetten aus dem mit Wasser gefüllten Vulkankrater aufsteigen, riecht die Luft sauer.  Es lohnt sich, das zu beobachten. Denn wenn sich der CO2-Ausstoß intensiviert, kann das vulkanische Aktivitäten ankündigen. Hier ein Live-Eindruck vom Mofetten-Schauspiel:

Vulkane prägen unser Leben – immer noch

Tatsächlich bestimmen die Feuerberge unser Leben in der Eifel, am Rhein und sogar bis Köln, sie ernähren es und richten es aus –  immer noch. Hier die Beweise:

  • Wasser: Eine Vielzahl an Mineralwassern in der Eifel quellen durch vulkanisch entstandene Kohlensäure hervor: Gerolsteiner ist das bekannteste; auch das Dauner, Brohler, Dreiser und die Nürburg Quelle sind solche lebendigen Sprudelwasser.
Foto: Dorothea Müth

Säuerlich, sprudelig, erstaunlich: Die kleine Mineralwasserquelle Harborn bei Kottenheim in der Eifel ist so eisenhaltig, dass sie Stein (und Hände) braunrot färbt. Sie schüttet etwa zwei Liter pro Minute aus. Foto: Dorothea Müth

 

  • Baustoff: Die Eruptionen haben Stein hinterlassen, mit dem wir immer noch bauen. Auf dem Traumpfad „Vulkanpfad“ lassen sich die Dimensionen gut erwandern. So ein Lavastrom war Dutzende Meter hoch und floss mit mehr als 100 km/h durchs Land! Die Flutwelle, die er im Rhein auslöste, würde heute bis Köln schwappen. Immer wieder steht man staunend vor den Relikten: Am Waldweg tut sich plötzlich eine fast lotrechte Basalt-Kletterwand auf, Schlacke obendrauf. Über die Wipfel der (bei näherem Hinsehen jungen) Bäume grüßen verlassene Kräne; noch vor wenigen Generationen waren sie Vorreiter der gesellschaftlichen Entwicklung.  Schon von Weitem hört man beständiges Hupen und Brummen: Lkws – die Baustoffindustrie wirtschaftet bis heute mit den Feuersteinen. Und wenn ich für eine indianische Schwitzhütte geeignete Steine suche, die viel Hitze speichern,  dann sammle ich diese bei ehemaligen Basaltlavasteinbrüchen in Eifel und Westerwald.
Der pyroklastische Strom ist zu Säulen erstarrt: Jetzt nutzen Sportkletterer bei Kottenheim ihn als Übungswand. Foto: Dorothea Müth

Der pyroklastische Strom ist erstarrt: Jetzt nutzen Sportkletterer bei Kottenheim ihn als Übungswand. Foto: Dorothea Müth

Auf diesem Lavasockel stand einmal ein Kran, eine Seilwinde oder ein Göpelwerk. Die letzten Reste überwuchern jetzt Birken. Foto: Dorothea Müth

Einsamer Riese: Auf diesem Lavasockel stand einmal ein Kran, eine Seilwinde oder ein Göpelwerk. Foto: Dorothea Müth

 

Der Bellberg in Ettringen ist durch eine Eruption entstanden. Die Caspar Lavawerk GmbH baut hier noch immer Stein ab. Foto: Dorothea Müth

Der Bellberg in Ettringen ist durch eine Eruption entstanden. Die Caspar Lavawerk GmbH baut hier noch immer Vulkanstein ab. Foto: Dorothea Müth

  • Infrastruktur: Die noch heute steingrau anmutende Stadt Mendig hat seit der Römerzeit Mühlsteine und andere Basaltlava-Produkte exportiert. Dafür wurden Bahnstrecken und Rheinhäfen wie der in Andernach ausgebaut – eine Infrastruktur, die wir heute selbstverständlich nutzen. Weil die Lava in der Mitte ab langsamsten abkühlte, ist der Stein dort am dichtesten: Die Abbauer gruben sich deshalb in die Tiefe. Auch in diese Stollen flüchteten die Menschen im Krieg.
Zuerst Römerwege, dann Lorengleise: Um die Basaltlava abzubauen, wurde viel Infrastruktur geschaffen. Foto: Dorothea Müth

Zuerst Römerweg, dann Gleiser für die Loren: Um Basaltlava abzubauen, wurde viel Infrastruktur geschaffen. Foto: Dorothea Müth

Exkurs 1: Auch die Gründung der Raiffeisengenossenschaft ist auf die Auswirkungen eines Vulkanausbruchs hin entstanden: Aschewolken zweier pazifischer Feuerberge machten den Sommer 1846 in Europa extrem kühl. Im Westerwald fiel die Ernte aus. Der Bürgermeister und Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen sorgte für Umverteilung, gab Getreide und Saatkartoffeln aus. Gemeindebackhaus und Hilfsverein aus dieser Zeit sind Vorläufer der heute ganz Mitteleuropa verbreiteten Raiffeisenbank und -warenlager.

  • Abenteuer: Grandios erscheint das beim Steinabbau entstandene Schächtesystem im Mendiger Lavakeller: Mit Helm geht es 30 Meter in die Tiefe. Ein Wassertropfen braucht zwei Wochen bis hierhin. Eine vielraumige unterirdische Kathedrale tut sich auf, konstant feucht und kühl. Fledermäuse fühlen sich wohl, zeitweise kühlten und gärten hier 28 Brauereien kostengünstig ihr Bier. Heute ist der Lava-Keller Kulisse für Filmdrehs, Percussion, Hochzeiten, Gottesdienste, Kunst und Tourismus.
Mit Helm und Grubenlampe die ausgetretenen Stufen hinab: 160 Schächte führen in Mendig in ein unterirdisches Netz von Lavakellern. Foto: Dorothea Müth

160 Schächte führen in Mendig in ein unterirdisches Netz von Lavakellern. Foto: Dorothea Müth

Kann eine Kathedrale majestätischer sein? 32 Meter unter der Erde stehen diese Basalt-Säulenhallen. Foto: Dorothea Müth

Kann eine Kathedrale majestätischer sein? 32 Meter unter der Erde stehen diese Basalt-Säulenhallen. Foto: Dorothea Müth

Sterntaler-Plakat im Lavakeller: Der Vulkanausbruch hat der Region eine Zeitlang gutes Geld beschert. Foto: Dorothea Müth

Sterntaler-Plakat im Lavakeller: Der Vulkanausbruch hat der Region eine Zeitlang gutes Geld beschert. Foto: Dorothea Müth

Die Natur ist groß und ich darf hier wohnen

Die Macht der Natur ist groß und wirkt lange. Was vermag ich zu tun, zu erkennen? Wenig. Das ist nicht Nichts. Aber lohnen sich Stress, Leistungsdruck, Workaholismus?

Ob ich meinen Job brillant, mau oder nur gut mache, ob ich dafür zwei Stunden mehr oder weniger arbeite, das ändert nichts. Ich kann meine Aufgabe an meinem Platz erfüllen, kann mit Freude bauen, verkaufen, lehren, schreiben oder was eben meine Arbeit ist. Aber ich muss nichts.

Ich muss nichts

Indem ich meinen Arbeitsort von einem Aussichtspunkt aus betrachte, verbindet er sich organisch und harmonisch mit seinem Umfeld. Auf einer Brücke, einem Turm oder auch in einem geografiehistorischen Museum sehe ich, wie alles zusammenwirkt: Die Flüsse, die Berge, der Verkehr. Die Schulen, Ämter und Banken, Lehrer, Broker und Manager. Ich und du. Heute arbeiten wir mit Lkws und Computern. Demnächst wird es anders sein. Und ich erkenne: Von meinem Tun geht die Welt weder auf noch unter.

Exkurs 2: Und wovon geht sie unter? Womöglich auch durch Sturmfluten im Meer. Bei Dangast an der deutschen Nordsee reichte das Land bis vor 200o Jahren noch zwei Kilometer weiter. Sturmfluten im Mittelalter holten aber das ganze Kirchspiel Arngast ins Meer. Ein Denkmal mit Sturmglocke erinnert: Die Beziehung zwischen Land und Wasser ist immer in Bewegung.

Du darfst wohnen auf  dieser Erde. Wo hast du solche Aha-Erlebnisse gehabt? Was hat dich staunen und übergreifende Zusammenhänge erkennen oder ahnen lassen? Welchen Trip empfiehlst du? Ich freue mich auf deine (Ein-)Sichten!

Ein Beitrag von Dorothea Müth

Ob in Frankfurt, Madrid, Marburg oder Quito, ich habe es immer als harmonisierend empfunden, die Geografie meines Lebensortes zu erkunden und zu verstehen. In der ecuadorianischen Hauptstadt war ich von aktiven, 5000 Meter hohen Anden-Vulkanen umgeben: Der Tungurahua etwa rauchte und schnarchte regelmäßig, wie die Einheimischen sagen. Als ich nach Rheinland-Pfalz zog und mir dieser Landstrich zunächst eher ruhig und mittelmäßig vorkam, war ich überrascht, nach und nach die faszinierenden Zeugnisse von produktivem Vulkanismus ausgerechnet hier so gehäuft zu entdecken. Unser Planet schläft nicht, nirgends!

Lektorat: Andreas Fischer – danke!

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