Ausprobiert!, Entwicklung, Schaufenster
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Ich! Mich? Du. Wir….. erleben Menschsein im Schloss der Forscher

Foto im Museum Monrepos: Dorothea Mueth

Das Ich verstehen. Mit Ehrgeiz und Gefühl, Leib und Seele den Menschen in mir erkennen: Darum geht es in Monrepos. Die Ausstellung über menschliche Verhaltensevolution macht erlebbar, womit ich mich jetzt von anderen Spezies unterscheide. Was hat den Mensch zum Menschen gemacht? Fähigkeiten wie Erfindergeist, Forscherdrang, Empathie und Bewusstsein.

Foto im Museum Monrepos: Dorothea Mueth

Fressen und gefressen werden: Wie würde ich mich verhalten, wenn das gilt? Jedenfalls Zähne zeigen!

Ich begreife mich. Und das in einem archäologischen Museum?! Ja, im 2014 neu eröffneten Schloss der Forscher in Neuwied gelingt das auf herausragende Weise. Und zwar vor allem deshalb, weil einzelne Entwicklungsstufen als Raum inszeniert sind.

Hackordnung am Wasserloch

Zwielicht und Dämmerung empfangen mich im ersten. Noch ehe ich mich orientieren kann, höre ich Raubtiergebrüll. Dem Widerhall nach zu urteilen, ist die Wildkatze nicht ganz in meiner Nähe, beansprucht mit dem Laut aus den Tiefen ihres Magens aber eindeutig das Revier. Vor mir kann ich schemenhaft Bäume, Büsche und Wasser in einer offenen Landschaft ausmachen – ich bin auf dem Weg zum Wasserloch, wie die anderen Bewohner der Steppe auch.

Und da gibt es eine Hackordnung. Schließlich wollen alle trinken und passen gleichzeitig auf, dass sie dabei nicht zur leichten Beute für Stärkere werden.

Über die silbrigen Vorhangfäden, auf die die Landschaftsfotos projiziert waren, laufen jetzt Sätze. „Den letzten beißen die Hunde.“ „Da kannst du nichts machen.“ Es sind die Gesetze der Steppe, die vor 2,5 Millionen Jahren auch für die Naturwesen gelten, aus denen sich der Mensch entwickelt hat. Ich spüre, wie ich mich am Wasserloch verhalten und fühlen würde: Ich bin auf Pirsch. Es geht ums Überleben.

Mit modern gestalteter Speisekarte und authentischem Schummerlicht kommt man auf den Geschmack der Paläo-Küche. Foto: Dorothea Mueth

Mit modern gestalteter Speisekarte und authentischem Schummerlicht kommt man auf den Geschmack der Paläo-Küche.

Da kann ich sehr wohl was machen!

Eines hat nicht überlebt: ein Kind, in dessen Schädeldecke Raubtierzähne ihre Abdrücke hinterlassen haben. Dieses Skelettteil ist das älteste menschliche Zeugnis im Museum. Es arbeitet zwar mit archäologischen Funden und Kopien davon, aber diese nehmen nur einen kleinen Teil des Raums ein.

Wer als Besucher in den Kosmos der Lebensbedingungen eintaucht, entdeckt die Fundstücke wie Brillanten. Ihre Bedeutung erschließt sich praktisch, theoretisch, evolutionär… Zum Beispiel das Steinmesser oder die Termitenangel: Diese ersten Werkzeuge sind für die Menschen ein Schritt raus aus dem „Da kannst du nichts machen.“

Vom neugierigen Wunderkind zum Machtmenschen

Von Raum zu Raum kann man dann mit epochalen Entdeckungen nachvollziehen, wie der Mensch und sein Verhalten sich weiter formen.

  • Neugier und Ehrgeiz: „Wunderkinder“ nennt das Museum den Seinszustand, in dem die Menschen vor etwa 1,6 Mio. Jahren lernen, Feuer zu machen.
  • Erst vor 300 000 Jahren kommt ein Wir-Gefühl auf: Die Gruppe praktiziert Zusammenhalt, feiert ihre „Helden“.
  • Zum „Gesellschaftswesen“ wird der Mensch, als er Kunst, Humor und Individualität entfaltet vor 40 000 Jahren.
  • Eigentum verpflichtet, und das lässt den Menschen sesshaft werden: Vor 14 000 Jahren ist der „Platzhirsch“ geboren.
  • Erst vor 8000 Jahren wird es möglich, systematisch Krieg zu führen: der Mensch ist sich seiner Macht bewusst.
Löwenmenschplastik im Museum Monrepos. Foto: Dorothea Mueth

In welchem Tier erkenne ich meine Persönlichkeit wieder? Dieser Entwurf eines Löwenmenschen ist 40 000 Jahre alt.

In der beseelten Mammutsteppe hat alles seinen Platz

Am schönsten finde ich es unter der roten Kuppel des vierten Raums. Hier in der Mammutsteppe, die vom Atlantik bis nach Sibirien reicht, hat der Mensch wohl den Sinn des Seins erkannt und seine Seele. Für diese steile These gibt es tatsächlich überzeugende Belege:

Die Landschaft besteht jetzt im Jungpaläolithikum nicht mehr hauptsächlich aus undurchdringlichem Wald, sondern wirkt großzügig, üppig, empfindsam. Der Mensch lebt mit den Tieren zusammen als Konkurrenten, Nahrungsspender und Partner.

Alles ist hier wertvoll, miteinander verbunden, Leben und Tod zeigen sich als Kreislauf: Aus diesem Verständnis heraus müssen die ersten Ritualbestattungen entstanden sein. Das Leben hat dabei die Farbe Rot: Für die 40 000 Jahre alten Höhlenmalereien Frankreichs haben die Menschen mit Vorliebe rötlichen Hämatit verwendet, ein Eisenoxidmineral. Es sind nicht nur sachliche Abbildungen, sondern poetische, verspielte, lebendige Interpretationen.

Der Löwenmensch

Eine Figur hat einen Löwenkopf. Dahinter mag die Frage stehen: „Welches Tier ist meiner Seele verwandt?“ Die Menschen mögen sich dazu in geselliger Runde am Feuer Geschichten erzählen.

Wer sich selbst als Robbe malt, beweist Humor! Foto im Museum Monrepos: Dorothea Müth

Wer sich selbst als Robbe malt, beweist Humor!

Karikaturen gibt es auch: Ein Mann ist mit wenigen Strichen zum Robbengesicht gemacht. Die Zeichnung zeigt, dass Humor und Flirt Einzug halten. Als wer würde ich mich ausgeben? Wie zeige ich meine Individualität, um mich von anderen zu unterscheiden? Dieses Gedankenspiel kann man zu Schlagermusik weiterspinnen, im Raum nebenan, der einer Kneipe ähnelt.

Was habe ich über mich, Mensch, gelernt auf Monrepos?

Das Ich-Bewusstsein wächst also wie die Jahresringe eines Baumes. Das heißt: Auch genau in diesem Moment entwickeln wir uns als Menschen weiter! Welcher Schritt vollzieht sich wohl derzeit?

Vielleicht sind wir dabei, das Ego zu transzendieren, um so die Einheit allen Seins zu leben. Mehrere Meditationslehren bemühen sich seit einigen Jahrzehnten darum. Die Autorin Ulli Nagel meint, dass die Gründe dafür überholt sind, Besitz und Anerkennung anzuhäufen:

„Wir sind jetzt materiell und psychologisch so frei, dass wir uns gemeinsam der Entwicklung unseres Bewusstseins widmen können.“

Solche Ansätze finden immer mehr Verbreitung…

Was noch

Nix Sojamilch und Dinkelrigatoni: Das angegliederte, stylishe Bistro „Heimathirsch“ serviert köstliche Paläo-Küche. Wie bei den Jägern und Sammlern kommen Beeren, Wildkräuter und erlegtes Tier in den Mund – Ernährung ist ein Schwerpunkt des Forschungsinstituts auf Monrepos. Trotzdem ist auch für heutige Geschmäcker etwas dabei.

Meine Empfehlung: Auf einem Terrassenfell den weiten Blick übers Neuwieder Becken bis in die Eifel genießen und dabei die Wunder des Menschseins feiern.

Monrepos gehört zum Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und bietet verschiedene Führungen durch die insgesamt neun Räume, darunter interaktive Action-Rundgänge mit Schauspielern als Guides.

Dies ist ein Beitrag mit Fotos (4) von Dorothea Müth. Danke fürs Lektorat an Fabian Strumpf!

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