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Wo ich Vertrauen ins Leben schöpfe – mein Kraftplatz

Wenn ich eine Auszeit brauche, wenn ich nicht weiß, wie ich mich entscheiden soll, oder wenn mich nach Kontakt mit mir selber hungert, dann gehe ich an meinen Kraftplatz. Es ist ein abgelegener kleiner See. Über einen steilen Pfad gelange ich zu Fuß dorthin und tauche ein in sein weiches Wasser, das mich streichelt, sauberspült, erfrischt. Oder ich sitze auf einem Fels am Ufer und lasse meinen Blick auf der spiegelnden Seeoberfläche ruhen. Hier komme ich zu mir. Hier finde ich heraus, was ich wirklich möchte. Hier schöpfe ich neue Kraft.

Doch was eigentlich macht einen Ort zum Kraftplatz? Was schenkt er mir? Und wie findest du deinen? Dazu dieser Beitrag!

Wiederkommen dürfen – was ein Kraftplatz ist

Mein Kraftplatz ist ein alter Basaltsteinbruch, 30 Meter tief mit Wasser gefüllt und jetzt als Naturschutzgebiet wieder Pflanzen und Tieren überlassen. Er heißt Schwarzer See wegen seiner Tiefe und des dunklen Gesteins. Der schwarze Basalt ist vulkanischen Ursprungs. (Wie mich diese Verschmelzung von Feuer und Wasser fasziniert, habe ich in „Know your landscape – know your job“ gezeigt.) Der Schwarze See ist wenig bekannt, sodass ich dort oft tatsächlich allein bin.

Hier wohnt ein Uhu, surren Libellen, gehen Seerosen auf und zu. Wasserlilien und kleine Erdbeeren wachsen am Ufer, und in der Nachmittagssonne leuchten die Steilwände in warmem Rot. Still liegt der Schwarze See im Wald und bildet einen kleinen Kosmos für sich. Gleich beim ersten Kennenlernen –  zufällig, in anderem Kontext – hat dieser Platz eine Sehnsucht in meinem Herzen berührt. Ich wollte wiederkommen dürfen.

Ich habe meine Kraftplätze immer in der Natur gesucht. Das muss vielleicht nicht sein; ich kann mir auch ein Gotteshaus oder einen besonderen Ausguck in einer Stadt als Kraftplatz vorstellen. Doch ein Kraftplatz braucht zumindest Verbindung zu Himmel und Erde.

Was macht nun aber einen schönen Platz zum Kraftplatz?

Die Wahrheit – was einen Platz zu meinem Kraftplatz macht

Der Schwarze See ist mein Kraftplatz, weil ich ihn dazu erkoren habe. Er ist es geworden, weil ich ihn immer wieder zu allen möglichen Zeiten aufgesucht habe: im Winter bei Nebel und Eis, in der Sommerhitze, abends und im Dunkeln, als der Frühling begann und als es Herbst wurde.

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Ich finde es gut, dass es ein wenig Anstrengung und Weg kostet hinzugelangen. Ich bin achtsam unterwegs. Wenn ich manchmal Freunde mitnehme an den Schwarzen See, wünsche ich mir, dass auch sie den Platz wertschätzen. Denn hier an meinem Kraftplatz lausche ich: Ich bin bereit, die Wahrheit zu hören, und ich gestehe diesem Ort zu, sie mir zu sagen.

Wie? Sie taucht einfach auf in meinem Sinn, wenn ich an meinem Kraftplatz bin. Dort mit allen Sinnen angekommen, kann ich meinen inneren Kern wahrnehmen unter den Schichten von „soll“, „müsste“, meinen Gewohnheiten und den „anderen“. Das, was ich bin und was mir wirklich wichtig ist.

„In uns allen liegt eine Mitte, in der die Wahrheit in all ihrer Fülle ruht. Wissen heißt, dem inneren Leuchten den Weg zu weisen nach draußen.“ (Robert Browning)

Vertrauen ins Leben – was mein Kraftplatz mir schenkt

In den Augenblicken hier spüre ich, wie das Jetzt und die Ewigkeit zusammentreffen. Deshalb ehre ich meinen Kraftplatz: Ich mag hier keinen Müll liegen lassen, nicht gedankenlos daherreden und die Zeit sehr bewusst verbringen.  Und bekomme ich etwas geschenkt.

Eine Freundin erzählt mir von ihrem Kraftplatz: „Ich beobachte eine Ameise, die etwas transportiert, das deutlich schwerer ist als sie selbst.“ Diese Verwunderung schenkt ihr eine wundervolle Erkenntnis: „Alles hat seinen Platz und ich auch.“

Ich selbst habe am Schwarzen See Verschiedenstes erlebt – bedeutsame Tierbegegnungen: eine Kreuzotter schlängelte sich über meinen Pfad zurück vom See und erinnerte mich an die Transformation, die ich in dieser Zeit durchlebte. Höre ich den Uhu uuuen, stärkt er das Vertrauen in meine Intuition. Fasziniert war ich von einem Wiesel, das unbeirrbar, flink und doch ohne Hektik in schrägem Lauf die ganze Steilwand hinaufwetzte.

Das stärkste Erlebnis war der Versuch, hier eine Nacht zu verbringen. Schließlich ist es mein Wohlfühl-Kraftplatz, dachte ich. Vorab: Ich habe es geschafft! Aber ich habe kein Auge zugetan und keinen Muskel entspannt dabei. Karpfen sprangen die ganze Nacht durch wieder und wieder platschend aus dem Wasser, der Uhu uuute, Vögel und Mäuse raschelten eifrig im Laub: Die Natur war so laut, dass ich nicht zur Ruhe kam. Diese Nacht hat mich Respekt vor der Wildnis gelehrt.  Zudem war ich mir keinen Moment sicher, dass die Geräusche nicht doch woanders her kamen, von Menschen. In der Dunkelheit bin ich meiner Urangst begegnet: Wenn ich die Kontrolle aufgäbe und einschliefe,  würden „sie kommen und mich holen“. Und ich könnte dann nichts mehr dagegen tun. Als es hell wurde, kamen zwei Frühschwimmerinnen. Dann konnte ich einschlafen.

Ich bleibe am Schwarzen See immer länger als angenommen und lasse mich ein aufs ewige Werden und Vergehen, ich vergesse die Uhr und nehme stattdessen die Abfolge der Jahreszeiten wahr: Die Sonne, die im Juli alle Ufer erhellt, schafft das im August schon nicht mehr. Die Libellen, die zwei Jahre als Larve ihr Flugleben vorbereitet haben, leben nur wenige Wochen als türkisch schillernde Schöne.  Und ich, wieder hier, doch anders als beim vorigen Mal.

An meinem Kraftplatz verbinde ich mich mit dem Kreislauf-Puls des Lebens: Wenn etwas stirbt, bedeutet das gleichzeitig, dass etwas Neues wird. Die Energie geht nicht verloren, sondern nimmt eine verwandelte Form an. In diesem Wissen kann ich in Liebe loslassen und vertrauen, dass etwas Gutes kommt. Aus der Angst, dass die Zeit mich um meinen Kinderwunsch bringt, ist hier Freude geworden: Vorfreude darauf, Mutter zu werden. Mein Kraftplatz schenkt mir Vertrauen ins Leben.

Einzigartig – kann eine Stadt ihren Kraftplatz haben?

Da ich mich zuletzt viel mit der Überlebensfähigkeit von Städten und ihrer Resilienz beschäftigt habe, noch eine kurze Frage: Kann eigentlich auch ein Gemeinwesen seinen Kraftplatz haben?

Ja! Er liegt aber nicht unbedingt im Zentrum, wo am meisten los ist in einer Stadt. Sondern eher dort, wo die Stadt bei ihrer Einzigartigkeit ist. So ist der Kraftplatz von Neuwied, wo ich wohne, nicht der zentrale Luisenplatz, nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut, wo alle paar Wochen von außen beschickte Event-Märkte stattfinden. Sondern es sind die Treppen am Pegelturm über den Deich. Hier hat sich die Stadt gegen den Rhein und sein Hochwasser verwehrt und geht über die Treppen doch wieder auf Tuchfühlung. Neuwied wurde von Altwied aus gegründet, um die Kraft des großen Stroms nutzen zu können: Der Schiffshandel machte die Stadt groß.

Die Deichtreppen sind Neuwieds Kraftplatz: Im Juni 2017 zum Beispiel feierten hier auf den Stufen und einer schwimmenden Bühne im Fluss 450 Neuwieder einen neuartigen Gottesdienst – mit Tauferinnerung, Wasser- und Deichmeditation.

Für die Region Rhein-Eifel ist der Laacher See ein Kraftplatz. Das Wasser ist klar, das Grün saftig, die Kühe tragen ihre Hörner und die Luft ist rein. An der wassergefüllten Caldera eines leise aktiven Vulkans liegen ein Kloster, Bio-Landwirtschaft und ein spirituelles Zentrum.  Man kann spüren, dass Übende aus allen Himmelsrichtungen hier Kraft schöpfen und ihr Bewusstsein weiten.

Und obwohl ich ihn vielleicht mit vielen teile, kann meinen Kraftplatz mir niemand nehmen. Denn er existiert auch in meinem Bewusstsein. Die Erfahrungen an meinem Kraftplatz sind so eindrücklich für mich gewesen, dass ich mich mit mit dem Platz auch verbinden kann, wenn ich woanders bin.

Wie findest du deinen Kraftplatz?

Dein Kraftplatz ist ein Zufluchtsort, den so nur du kennst. Nimm dir Zeit und Raum und du  findest ihn in deiner Nähe. Er kostet kein Eintrittsgeld. Wenn du da bist, weißt du: Hier ist er.

  • Äußerlich ist dein Kraftplatz ein ruhiger, dennoch lebendiger Ort mit Ausblick oder Tiefblick, wo du innehalten kannst: ein Fels, eine Bank mit weiter Sicht zum Horizont, ein Wasserfall, eine Quelle, ein Platz unterm Sternenhimmel.
  • Innerlich ist dein Kraftplatz einer, wo du dich wohlfühlst und gerne verweilst.  Im Unterschied zum Wohnzimmersofa hat ein Kraftplatz etwas Magisches. Der Platz war schon vor dir da oder ist von einer größeren Kraft gestaltet worden, das wird dir dort bewusst.
  • Du ehrst diesen Platz: Es ist ein Ort, wo du bereit bist zu hören, wo du dir etwas sagen lässt. Der Platz lässt dich liebevoll und achtsam sein.
  • An deinem Kraftplatz kommst du in guten Kontakt mit dir selbst. Du  kommst an in der Gegenwart deines Lebens. Der Kraftplatz füllt dich mit Vertrauen – und was auch brauchen wir mehr?!

Ich bin gespannt, von deinem Kraftplatz zu hören. Wo liegt die innere Mitte deiner Stadt?

Für das aufmerksame Lektorat von Herzen danke an meine Freundin Sonja Plachetta!

Gemeinsame Freude, gemeinsame Stärke: Wenn wie in Delitzsch das Stadtleben partizipativ entwickelt und gestaltet wird, stärkt das die Resilienz des Gemeinwesens.

Resiliente Stadt?! Best Practices aus drei Orten Deutschlands

Als Stadt große Veränderungen gesund zu überleben, ist ganz schön herausfordernd.  Sieben quer durch die Gesellschaft reichende Faktoren zeigen an, wie gut eine Kommune mit Krisen wie Zuwanderung oder dem Ende fossiler Energiequellen umzugehen vermag. Resilienz braucht besondere Ideen, Mut zu Neuem und gemeinschaftlichen Einsatz: Ich stelle Best Practices aus drei Orten in Deutschland vor, die so ihre Resilienz erfolgreich gestärkt haben. Sie haben 2016 und 2015 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis erhalten oder wurden dafür nominiert.

Energiessparen ist Gewinn auf allen Ebenen

In Karlsruhe (Ba-Wü, 303 000 Menschen) hat nachhaltige Stadtentwicklung eine besonders soziale Ausrichtung. Das zeigt das Projekt Energiesparbildung: In einen Fonds zahlen Unternehmen freiwillig einen Ausgleich für ihren CO2-Ausstoß ein. Das Volumen hat sich vom ersten aufs zweite Jahr verfünffacht (75 000 Euro für 3 500 Tonnen CO2). Davon finanziert Karlsruhe Weiterbildung, Jobs und Technik: Menschen, die sonst schwer eine Arbeit finden würden, erhalten eine Schulung und beraten dann bildungsferne Haushalte zum Energiesparen. Diese wiederum bekommen dazu gratis Zeitschalter und LED-Lampen.

Eine Klimaschutzagentur organisiert branchenspezifisch Runde Tische zum Energiesparen – etwa in Hotellerie, Pflege oder Backgewerbe. In einem Pilot-Gewerbegebiet berät sie außerdem Unternehmen zur lokalen, eigenen Energieerzeugung, bei der sich die Investition schon in vier Jahren amortisieren soll. Die individuellen Bedürfnisse der Akteure prägen den Energieverbrauch – nur wenn sie einbezogen sind, kann die Energiewende erfolgreich sein.

Karlsruhe ist Stadt von allen für alle

Begegnung und Mitgestaltung sind in der Stadt verwurzelt: Hier diskutieren Karlsruher über ihre Visionen für die Oststadt. Foto: Quartier Zukunft / KIT

Begegnung und Mitgestaltung sind in der Stadt verwurzelt: Hier diskutieren Karlsruher über ihre Visionen für die Oststadt. Foto: Quartier Zukunft / KIT

Auffallend ist in Karlsruhe die Vielfältigkeit bürgerschaftlicher Mitgestaltung bei der Stadtentwicklung, die eine lange Tradition hat und zu der die Politik steht. Das macht robust in Krisen. Umweltbürgermeister Klaus Stapf:

„Wir fördern Partizipation auch, wenn die Forderungen der Menschen unbequem sind.“

  • Das internationale Begegnungszentrum ist von Migranten-Vereinen, Stadtverwaltung, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden gemeinsam getragen und existiert schon seit 20 Jahren. In den Stadtteilen gibt es öffentlich finanzierte Bürgerzentren für die Mitgestaltung des Lebensumfelds.
  • Der Kinderpass ermöglicht Kindern aus armen Haushalten in Karlsruhe und vier Nachbarstädten, vergünstigt an Sport-, Kreativkursen und anderen Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Mit dem mobilen Kinderbüro kommt die Stadtverwaltung zu den Kindern, z.B. auf den Spielplatz, um Wünsche und Kritik zu erfahren. Daher sind in Arbeit: Fahrradverleih und Spielecken in Restaurants. In dieser Wertschätzung erfahren Kinder sich früh als selbstwirksam.
  • In Karlsruhe ist eine von deutschlandweit 23 Regionalgruppen für Gemeinwohlökonomie aktiv. Sie fördert und zertifiziert ethisches Wirtschaften mit dem Ziel eines guten Lebens für alle. Beim von Einwohnenden gestalteten Radio Querfunk beteiligen sich fast 100 Nutzer, das sind vergleichsweise viele: Wer über die Geschehnisse in seiner Stadt recherchiert und aus unterschiedlichen Blickwinkeln berichtet, übernimmt aktiv Verantwortung. Es macht den öffentlichen Diskurs vielfältig.
Fazit Karlsruhe: Die Stadt punktet besonders bei den Resilienz-Faktoren Energiekompetenz, soziale Durchlässigkeit, Vielfalt!

Vom Glanz hoher Ziele…

Die 26 000-Menschen-Stadt Delitzsch (Sachsen) hat anders an Resilienz gewonnen und sich dazu auf ihre eigene Art motiviert: individuell und vor Ort, am Arbeitsplatz oder Zuhause.

Energietreffs im Wohngebiet haben den Menschen die Energieeffizienz-Idee niedrigschwellig nahegebracht. In Delitzsch wird nun mehr Ökostrom erzeugt als verbraucht. Ein Erneuerbare-Energien-Pfad zieht auch Studierende und Fachleute von außerhalb an.

Mit dem Leitbild „Stadt der kurzen Wege“ hat Delitzsch sich als Fahrradstadt definiert. Ein Radwegekonzept soll den Berufsverkehr aufs Fahrrad  bringen und Freizeitradler anzulocken – in zwei Jahren ist der Radtourismus um 20 Prozent gestiegen.

In der Stadt unterwegs? Natürlich per Fahrrad. Mit einem Radwegekonzept und -ausbau will Delitzsch den Berufsverkehr auf die Pedale holen.

In der Stadt unterwegs? Natürlich per Fahrrad. Mit Radwegekonzept und -ausbau will Delitzsch den Berufsverkehr auf die Pedale holen.

Mit all dem soll sich der CO2-Ausstoß bis 2020 um 75 Prozent reduzieren im Vergleich zu 1990. Aktuell fehlen davon nicht einmal mehr 5 Prozent. Bundesweites Ziel sind nur 40 Prozent weniger Emissionen. Zweimal hat Delitzsch damit schon den European Energy Award Gold geholt. Die Erfolgsstrategie ist klar, so Wirtschaftsfördererin Ricarda Steinbach:

„Wir nutzen Wettbewerbe, um uns bestmöglich aufzustellen. So packen wir das Herz der Stadt.“

Gemeinsame Freude, gemeinsame Stärke: Wenn wie in Delitzsch das Stadtleben partizipativ entwickelt und gestaltet wird, stärkt das die Resilienz des Gemeinwesens.

Gemeinsame Freude, gemeinsame Stärke: Wenn wie in Delitzsch das Stadtleben partizipativ entwickelt und gestaltet wird, stärkt das die Resilienz des Gemeinwesens. Foto vom Jugendkulturtag: Stadt Delitzsch

… und Bodenhaftung: Delitzsch

Bei den Lebensmitteln profitiert der Ort von frühen Vorkämpfern:  Es gibt hier besonders viele Agrargenossenschaften, denn aus Delitzsch stammt der Mitbegründer des Genossenschaftswesens  Hermann Schulze-Delitzsch. Bei 1750 Schrebergärten kommt einer auf 15 Personen. Für Energienachschub in Krisenzeiten sorgt außerdem eine Schokoladenfabrik!

Fazit Delitzsch: Die Stadt ist Vorbild bei den Resilienz-Faktoren Energiekompetenz, Nahrungsmittelversorgung und Ganzheitlichkeit.

Barnstorf: Zusammenrücken zugunsten des Grüns

Das Dorf Barnstorf (12 000 Menschen, Niedersachsen) hat sich beeindruckend konsequent für Naturschutz statt schnellem Geld beim Flächenmanagement entschieden und wurde dafür EU-weit als Modell gelobt: Über fünf Jahre hat die Gemeinde keine Neubaugebiete ausgewiesen. Parallel konnte der Bürgermeister durch persönliche Gespräche die Hälfte der Eigentümer von Baugrundstücken im Ort überzeugen, diese zu verkaufen oder zu bebauen. Zum Vergleich: Woanders beträgt die Erfolgsquote beim „Baulückenschluss“ nur zehn Prozent.

Kluges, ganzheitliches Flächenmanagement: Die Solarmodule und Windräder, Barnstorf unabhängig von fossilen Energien machen, stehen in einem Umwelt-Erlebnis-Zentrum. Alle leben nah am Grünen.

Kluges, ganzheitliches Flächenmanagement: Die Solarmodule und Windräder, Barnstorf unabhängig von fossilen Energien machen, stehen in einem Umwelt-Erlebnis-Zentrum. Alle wohnen nah am Grünen.

Mit jungen Familien, die so in die Mitte statt an den Rand gezogen sind, ist der Ort viel lebendiger geworden. Barnstorf ist buchstäblich zusammengerückt. Bürgermeister Jürgen Lübbers:

„Eine Planung auf ein Neubaugebiet draufzulegen geht zwar schneller. Aber wenn man alle Kosten zusammenrechnet, ist Flächenrecycling trotzdem günstiger. Die sozial-ökologische Grundorientierung habe ich inzwischen verinnerlicht.“

Angestoßen hat den Bewusstseinswandel die Schließung der Kaserne und Nachdenken über mögliche Nutzungen des Geländes. Eine Befragung ergab: Die Barnstorfer lieben ihr Grün ums Dorf. Lübbers erkannte die Chance, das zu erhalten. In diesem Sinn agiert er ganzheitlich und intrinsisch motiviert: Sein persönlicher Einsatz ist ein Beispiel für die von e3g geforderten Qualitäten Resilienz-bewussten Bürgermeister „political strength, bravery and leadership“.

Barnstorf ist unabhängig von fossilen Brennstoffen und hat dieses 2008 noch ehrgeizig erscheinende Ziel schon nach sieben Jahren erreicht. Eine Qualifizierung von Klimaschutzmanagern hat die Gemeinde selbst organisiert, ein Umwelt-Erlebnis-Zentrum sammelt darüber hinaus Sympathien.

Fazit: Barnstorf punktet bei den Resilienz-Faktoren mit Ganzheitlichkeit, intrinsischer Motivation und Energiekompetenz.

Was lässt sich abgucken?

1) Inspirierend beim Blick auf alle drei Kommunen finde ich eine Praxis, die ich Energy Mainstreaming nennen möchte! Das ist deutlich mehr als etwa ein Arbeiten mit 100 Prozent Ökostrom in der Verwaltung. Nein, Energie- und Bewusstseinswende sind an diesen drei Orten in der Ver-Antwortung vieler: Sie sind lebendiger Bestandteil von Wirtschaftsförderung, Bildungsangeboten, Arbeitsplatzpolitik, Integration, Stadtfesten. Energiekompetenz wirkt somit als Katalysator für andere Resilienz-Faktoren.

2) Gemeinschaft, Vielfalt, Begegnung, Nähe: Alle Orte haben eigene Formate entwickelt, in denen soziale Integration mit Wertschätzung auf Augenhöhe gelingt. Der Stellenwert dieses Resilienz-Faktors zeigt sich auch bei den Jurybegründungen für den Nachhaltigkeitspreis: Einsatz und Ideen für Integration haben 2016 gegenüber rein ökologischen Leistungen zunehmend mehr Gewicht bekommen.

Jetzt geht der Ball an dich: Was an der Infrastruktur in deiner Stadt magst du besonders und gibt dir Vertrauen in die Zukunft? Welches Projekt ist dir irgendwo so aufgefallen, dass du es zum Nachahmen empfiehlst?

Ich freue mich auf mehr Best Practices!

Dies ist ein Beitrag von Dorothea Müth

Ich benutze ‚Stadt‘, ‚Gemeinwesen‘ und ‚Kommune‘ hier bewusst synonym. Dies erinnert an die Ursprungsidee der Begriffe und daran, dass gute Lebensqualität gemeinschaftlich zu organisieren ist.

Den Stadt- und Projektvorstellungen liegen ausführliche Recherchen zugrunde – u.a. jeweils ein Interview mit Bürgermeister/in oder Referatsleiter/in für Nachhaltigkeit.

Lektorat: Andreas Fischer – danke!

Mehr Info zur Resilienz von Städten

Blick auf Koblenz: Gelegen unterhalb der Vulkaneifel, an Mosel und Rhein (die jährlich Hochwasser führen) und in der Nähe des stillgelegten AKW. Wie resilient ist diese Stadt?

Resilienz mal 7: Was macht eine Stadt lebenswert und überlebensfähig?

17-mal bin ich in den vergangenen 20 Jahren umgezogen. Allermeist aus freien Stücken, auf der Suche nach Inspiration und einem guten Platz zum Leben. Als Journalistin und auch als Moderatorin habe ich zudem Projekte begleitet, mit denen sich Dörfer und Städte „zukunftsfähiger“ und lebendiger machen wollten.  Alles zusammen hat in mir die Frage zugespitzt: Was eigentlich macht eine Stadt lebenswert?  Was macht eine Stadt  überlebensfähig – sodass es sich zu bleiben und etwas aufzubauen lohnt?

Resilienz ist die Eigenschaft, die stabile Lebensqualität verspricht. Resilienz ist ein Konzept aus der Psychologie und beschreibt die Fähigkeit, sich Veränderungen anzupassen, ohne sich aufzugeben: „die psychische Widerstandskraft des Einzelnen, individuelle Lebenskrisen durchzustehen, zu überstehen und im besten Fall zu verarbeiten“. Ich mag das Bild vom Schwamm: Er kann viel Flüssigkeit aufnehmen und verändert unter Druck seine Form. Trotzdem bleibt er  ganz er selbst. Der Schwamm absorbiert das Wasser oder geht wieder in seine alte Form zurück, wenn der Druck nachlässt.

So erweist sich auch eine resiliente Stadt unter Belastung als elastisch und flexibel, ohne zusammenzubrechen.  Krisenhafte Herausforderungen für die Kommune können sein, wenn mehr Flüchtlinge als erwartet einwandern. Oder wenn ein Sturm die halbe Infrastruktur umlegt, wenn Hochwasser anrollt, Ölquellen zur Neige gehen oder eine große Fabrik zu schließen droht. Denkbar und erwartbar sind viele besondere Belastungen!

Checkliste: Sieben Kriterien für die Resilienz der Stadt

Weil diese elastische Widerstandsfähigkeit in der städtischen Debatte noch kaum vorkommt, habe ich sieben Kern-Eigenschaften entwickelt, die eine resiliente Stadt auszeichnen:

  1. Kompetenz in erneuerbaren Energien ist verbreitet: Nicht nur Experten sind sich bewusst über die Abhängigkeiten auf dem globalen Energiemarkt und das Ende fossiler Ressourcen. Nein: Alle (Bewohner, Unternehmen, Institutionen) leben energiesparsam und erzeugen vor Ort Strom aus Wasser-, Wind- und Sonnenkraft. Energiekompetenz ist hip! Also: Ökostrom, Energiegenossenschaften, Transparenz, Fahrradfreundlichkeit, ÖPNV (gut ausgebaut und günstig), Bürgerbeteiligung, Re-Use und Recycling.

    Urban Community Gardening in Hannover, an einem der größten Hochhauskomplexe in Deutschland. Selbstversorgung sieht bei diesen Verhältnissen aus wie eine Utopie. Foto: Dorothea Müth

    Urban Community Gardening in Hannover, an einem der größten Hochhauskomplexe in Deutschland. Selbstversorgung sieht bei diesen Verhältnissen aus wie eine Utopie. Foto: Dorothea Müth

  2. Lokale Nahrungsmittelversorgung: Die Menschen können Essen selbst anbauen – sie besitzen Know-How, Flächen und Material dafür. Weil wichtige Lebensmittel in der Stadt produziert und gelagert werden, ist die Wirtschaft ist nicht völlig von globalen Lieferketten abhängig. Also: Urban Community Gardening, Schrebergärten, saisonale regionale Ernährung, work-life-balance.
  3. Durchlässigkeit: In der Stadt führen aktive Umverteilungsprozesse zu mehr sozialer Gleichheit. Benachteiligte Menschen werden bei der Teilhabe am öffentlichen Leben unterstützt. Die Gesellschaft lebt von vielfältigen und wertschätzenden Beziehungen. Unternehmen, Institutionen und Vereine praktizieren eine Kultur des fair Teilens. Also: Tickets mit Ermäßigung, Beitrag nach Selbsteinschätzung, Förderunterricht, Kontingente, Social Day.
  4. Ganzheitlich denken, kommunizieren, handeln: So wie eine resiliente Persönlichkeit sich mit Hirn, Herz und Körper wahrnimmt, tut es auch das krisenfeste Gemeinwesen: Es denkt, kommuniziert und handelt bewusst auf mentaler, physischer und emotionaler Ebene. Ob in Verwaltung, Wirtschaft oder Zivilgesellschaft – alle drei Aspekte des Seins sind gleichermaßen wertgeschätzt und sollen im Einklang wirken. Also: Elternzeit, Arbeitsplatzgymnastik, Mitbestimmung, Barrierefreiheit, Naturschutz, Denkmalschutz, social business, Inklusion, Wohlfühlatmosphäre.
  5. Intrinsische Motivation: Maßnahmen, Projekte, Aktionen sind von einer inneren Überzeugung getragen und dienen der Verwirklichung einer höheren Idee – der Entwicklung einer resilienten Stadt. Man vertraut sich. Das befähigt die Akteure dazu, miteinander kreativ zu sein und flexibel zu improvisieren. Also: Augenhöhe, Humanismus, Leidenschaft, Werte – und entsprechende finanzielle Wertschätzung.
  6. Vielfalt und Widersprüche: Das darf und soll es geben! Die Gesellschaft erweist sich als weltoffen, tolerant und kritisch. Die Menschen halten Ungeklärtes und Widersprüche aus. Also: Multikulti, Internationalität, Gastfreundschaft, Diskussion, Selberdenken.
  7. Risikomanagement: Die Kommune analysiert, bewertet und überwacht die Risiken, denen sie als Gemeinwesen ausgesetzt ist. Sie übernimmt Verantwortung dafür, indem sie Notfallpläne entwickelt, Menschen ausbildet, sich Gefahren stellt. So erfährt sie sich als selbstwirksam. Also: Erste-Hilfe-Kurs, freiwillige Feuerwehr, Ärzte ohne Grenzen, Klimaschutz- und Risikofachleute in jeder Verwaltung, lernende Organisation.

Resilienz ist mehr als Nachhaltigkeit

Modell von Münster: Wie stabil ist diese Versammlung von Gebäuden, Wegen, Bäumen - und wie elastisch? Wo bleiben Menschen und Tiere in dieser Stadt? Foto: Dorothea Müth

Modell von Münster: Wie stabil ist diese Versammlung von Gebäuden, Wegen, Bäumen – und wie elastisch? Wo bleiben Menschen und Tiere in dieser Stadt? Foto: Dorothea Müth

Einiges kommt dir bekannt vor? Lokal, sozial und vielfältig sind gern genommene Eigenschaften, wenn es darum geht, die Nachhaltigkeit einer Sache zu erklären. Und ohne das Prädikat „nachhaltig“ geht bei der Darstellung öffentlicher Projekte sowieso nichts mehr, egal ob Kindergarten, Straßenbau oder Stadtfest.

Nachhaltigkeit in der Stadtentwicklung bedeutet, dass sich etwas kurz- wie langfristig, ökonomisch, ökologisch und sozial gut  aufs Gemeinwohl auswirkt. Nachhaltigkeit beschreibt Handlungen, Resilienz beschreibt ein Wesen. Resilienz ist umfassender, weil sie

  • die Stadt als lebendiges Wesen  nimmt – als Gemeinwesen – und deshalb auch seine Herzenskraft wahrnimmt; die Kommune verfügt über Emotionen, Materie und Wissen
  • mit Krisen rechnet und arbeitet, weil die zum Leben gehören wie der Wechsel von Ebbe und Flut
  • ein Risikomanagement dafür ausbildet

Weiße Flecken beim Regieren: Risiko und Einkommensgleiche

Die Non-Profit-Organisation e3g sagt in einem aktuellen Report  unter dem Titel „Underfunded, underprepared, underwater“: Zwischen den Klimaschutzkonzepten der Städte gibt es große Qualitätsunterschiede. Über diese Form des Risikomanagements gibt es kein einheitliches Verständnis und somit auch kein Controlling. Vor allem Städten mit weniger als einer halben Million Einwohnern fehlen Daten für eine verlässliche Einschätzung der klimatischen und wirtschaftlichen Risiken.  Für ein solides Risikomanagent fehlen zudem Geld und Fachkompetenz.

Mitautorin Sabrina Schulz fordert Führungsqualitäten bei den Bürgermeister*innen: „Speaking out on climate risk requires political strength, bravery and leadership. Mayors will need to be bold and build alliances with progressive businesses, citizens and stakeholders who want resilient and protected cities.“

Soziale Kriterien legt auch eine Studie des Umweltbüros Klagenfurt an, um die Resilienz von Regionen zu überprüfen. Denn die Forscher haben herausgefunden: Die Fähigkeit zu Kooperation und Innovation in einer Gesellschaft ist umso größer, je näher die Einkommen beieinander liegen. Das stärkt Vertrauen, soziale Verantwortung und ökologisch verträgliches Verhalten.

Ermunterung zur Verantwortungsteilung. Entdeckt im Gemeinschaftskeimling Leipzig, einer Praxisforschung zu Arbeit, Leben und Transformation. Foto: Dorothea Müth

Ermunterung zur Verantwortungsteilung. Entdeckt im Gemeinschaftskeimling Leipzig, einer Praxisforschung zu Arbeit, Leben und Transformation. Foto: Dorothea Müth

Resilience is work in progress – auf der Bühne, am Küchentisch, im Sandkasten!

Deutschland liegt im westlichen Vergleich im Mittelfeld, so Studienmanager Andreas Exner. Die Städte als Lebensmittelpunkte und Versorgungszentren haben deswegen die Aufgabe, aktiv ihre Resilienz zu stärken.

Also: Resilienz ins Parteiprogramm! Resilienz an den Küchentisch! In die Sonntagsreden und Sandkästen! Und an die Bar!

Und natürlich unter die Lupe: Im nächsten Beitrag stelle ich anhand der sieben Kriterien die Resilienz zweier Städte vor: Karlsruhe, kürzlich als modellhaft nachhaltige Stadt ausgezeichnet, und die Stadt, in der ich lebe.

Welche Ideen für Lebensqualität hast du bei deinen Reisen mitgenommen? Was lässt dich mit gutem Gefühl in einer Stadt leben? Was ist für dich wichtig im Hinblick auf Krisenfestigkeit? Ich freue mich auf Ergänzungen, Beispiele, Kommentare! Resilience is work in progress :-)

Ich & Resilienz

Die Beschäftigung mit Resilienz ist für mich ein Ausdruck aktiver Teilnahme und Teilhabe an Stadtentwicklung. Ich übernehme Verantwortung für meinen Lebensort – ich suche und gebe Antworten auf die Fragen unserer gemeinsamen Zeit.

Usprünglich kommt das der Begriff Resilienz aus der Werkstoffkunde. Dann fand er Eingang in die Psychologie, um die Krisenfestigkeit einer Persönlichkeit zu beschreiben.  Petra Alexandra Buhl coacht Unternehmen im Hinblick auf Resilienz.  Sie sowie die Studien vom Umweltinstitut Klagenfurt, von e3g und der Stiftung Neue Verantwortung haben mich zu diesem Beitrag  inspiriert.

Lektorat: Annika Butz und  Andreas Fischer – herzlich danke!

 

Irdische Freude: Kuchen mit Erdbeeren frisch aus dem Garten, in Keramikform und mit Liebe gebacken. Foto: Dorothea Mueth

Wie ich wieder auf den Hund kam – den kalten

Einen Kuchen backen. Ich möchte deine Aufmerksamkeit gewinnen für eine in ihrer Wirkung unterschätzte Tätigkeit. Denn Kuchen backen macht glücklich. Wirk-lich glücklich. Dich und die anderen. Kuchen backen macht Freunde. Einen Kuchen zu backen bedeutet „Danke“ zu sagen.

Darauf gebracht hat mich Hewa, der ich auch danken möchte. Sie winkte vom Balkon schräg über mir herunter. Schüchtern-freundlich-neugierig, ein Mädchen, vielleicht acht Jahre alt. Ich hing im Liegestuhl auf meiner Terrasse, nicht gerade glücklich mit meinem Leben: Ich war gerade zurück von einer auswärtigen Weiterbildung, während der die Liebe fett in die Brüche ging, außerdem arbeitslos. Ich wusste also gar nicht so genau, wo ich anfangen sollte, um in mein Leben eine neue Struktur zu bringen.

Na, los, Willkommenskultur!

Immerhin hatte ich einen Kuchen gebacken, den ich in diesem Moment verdrückte. Schweizer Rübli: gesund mit Möhren und Haselnüssen, ohne extra zugegebenes Fett. Zugenommen hatte ich in der letzten Zeit ja genug… Moment mal! Dieses Mädchen kannte ich doch noch gar nicht, oder? Hatte ich während meiner Abwesenheit neue Nachbarn bekommen?

Ich winkte zurück und von diesem Moment an blitzten mir die Impulse nur so durch den Kopf: Sie sah ausländisch aus, schwarze Haare und Augen, dunkler Teint – syrisch? Von der Flüchtlingswanderung nach Deutschland hatte ich in den vergangenen Monaten nur in den Medien gehört – nie Zeit gehabt, persönlich etwas zu tun – aber jetzt, oder?! „Na los, Doro, Willkommenskultur!“ Diese Stimme in mir war stärker als Erschöpfung und Selbstmitleid und ich schon in der Küche:

Ein paar Stücke rasch auf eine Platte gelegt, mit Sahne und Minze dekoriert, ein Welcome-Schildchen reingesteckt und damit die Treppe hoch. Beim Klingeln ein wenig Herzklopfen: Wie würde das ankommen? War meine Idee, den Kuchen zu teilen, womöglich zu fix und kurz gedacht?

Es kam perfekt. Nicht nur das Mädchen, das sich mir als Hewa vorstellte, freute sich, sondern auch seine Familie. Mutter und Kinder waren tags zuvor aus Syrien angekommen, nachdem der Vater Aufenthalt und Wohnung in Deutschland organisiert hatte. Sie luden mich zum Teetrinken ein…

Das macht reich: Selbstfürsorge, Handlungsmacht, Gebenkönnen

Es entstand eine nettes nachbarschaftliches Verhältnis. Mit der Mutter, Lehrerin von Beruf, konnte ich Französisch plappern, der Familie meine Stadt zeigen bei gemeinsamen Ausflügen. Und so einige gefüllte Teller wanderten nach diesem ersten Kontakt das Treppenhaus wieder runter oder hoch.

Sokse - das sind Butterkekse, Kakao, Kokos und Fett vermischt und erkaltet in Stücke geschnitten. Ein Kuchen ohne Backen, aber nicht ohne Rühren. Foto: Dorothea Mueth

Sokse – das sind Butterkekse, Kakao, Kokos und Fett vermischt, zur Rolle geformt und erkaltet in Stücke geschnitten. Ein Kuchen ohne Backen, aber nicht ohne Rühren! Foto: Dorothea Mueth

Dank Hewas Familie bin ich auf den Sokse-Geschmack gekommen. Sokse ist die arabische Form von Kaltem Hund – meinem Lieblingsgeburtstagskuchen in Kindertagen! Na, werden da auch bei dir leckere Erinnerungen und Gelüste wach?

Es ist wirklich so: Wenn ich nicht recht weiß, was ich mit mir anfangen soll –  weil weder Bildschirm noch Telefon, Rausgehen, Lesen oder Fleißarbeiten dran sind – dann ist es immer eine gute Idee, einen Kuchen zu backen:

  • Kuchen backen ist konkret: Du bearbeitest Materie, verwertest saisonale Ernte oder Zutaten aus dem Vorratschrank. Das erdet.
  • Kuchen backen ist überschaubar: Nach ein bis zwei Stunden ist ein sichtbares Werk vollendet.
  • Kuchen backen macht glücklich: Es gibt das Gefühl, für sich selbst gut zu sorgen. Schmackhaftes Essen befriedigt. Und ja! Die Süße im Kuchen setzt auch Glückshormone frei.
  • Kuchen backen macht reich: Du kannst dein Werk teilen, anderen damit eine Freude machen, sie zum gemeinsamen Verspeisen einladen. Ein Kuchen ist eine schöne Form, Gaben zu ehren und zu teilen. Einen Kuchen bäckst du nie für dich allein. (Manchmal weißt du allerdings beim Werkeln noch nicht, für wen du bäckst – wie ich beim Rüblikuchen.)

Um das Back-Werk versammelt sich Gemeinschaft

Die Bäckerin hat eine entscheidende energetische Aufgabe dafür, einen Energiekreislauf zu vollenden. Das habe ich bei der Beschäftigung mit den „universellen weisen Künsten“ verstanden. In dem Buch „Göttinnenzyklus“ stellen Ulla Janaschek und Cambra Maria Skadé das Backen so dar:

Diese Tätigkeit steht am Ende einer langen Kette von Einsätzen. Das Korn wurde zuvor gesäht, gegossen, gedüngt, ist gereift. Es wurde dann geschnitten, gedroschen und zu Mehl vermahlen, bevor die Bäckerin daraus einen Teig für Kuchen oder Brot knetet. Sie braucht Liebe und Achtsamkeit für den Teig und für den Ofen, damit das Werk gelingt. Du kennst das: Ist der Ofen zu heiß, wird das Brot schwarz, ist er zu kalt, dann geht der Teig nicht auf oder kommt mit einem klitschigen Streifen aus dem Ofen.

Kuchenbacken braucht Hingabe und Aufmerksamkeit. Sonst gelingt er trotz Rezept nicht. Foto: Dorothea Müth

Kuchenbacken braucht Hingabe und Aufmerksamkeit. Sonst gelingt er trotz gutem Rezept nicht. Foto: Dorothea Müth

Wenn der Kuchen noch im Ofen ist, es aber im Haus schon gut duftet, fragen die Nachbarn oder Mitbewohner, was das denn wird? Sie freuen sich darauf. Die Bäckerin oder der Bäcker versammelt die Gemeinschaft um sich mit ihrem Werk. Sie/er steht aber nicht selbst im Mittelpunkt, sondern stellt Können zur Verfügung, damit wir in Gemeinschaft zusammen kommen.

Willkommenskultur und Gastfreundschaft war auch das Thema auf dem Nationalen Stadtentwicklungskongress „Städtische Energien – Zusammenhalt gestalten“ in der Rede von Margot Käßmann. Ich habe dort erfahren: In Deutschland laden immer weniger Menschen andere zu sich nach Hause zum Essen ein. Stattdessen trifft mensch sich im Café oder Restaurant. Am Ende kommt die Bedienung mit der Rechnung: „Zusammen oder getrennt?“ Ich antworte da gerne: „Komm, wir legen zusammen.“

Dies ist ein Beitrag von Dorothea Müth

Ich habe schon als Kind gern gebacken. Dann als Jugendliche zu Geburts- und anderen Feiertagen mit Feuereifer aufwändige Backwerke verschenkt wie Schoko-Traum-Torte oder  Schweizer Nusswähe, deren Herstellung mehrere Tage dauerte. Diese Leidenschaft hat bis heute nie aufgehört: Am besten gelingen mir Mürbteig-Obstkuchen, Gemüse-Quiches und Hefebrot, alle mit spontan zusammengestellten Zutaten. Am liebsten esse ich Schokoladiges wie Russischen Zupfkuchen, Spanische Vanille, Birne-Kakao. Ein Sonntag ist nur ein richtiger Sonntag mit einem Stück Kuchen!

Warum bäckst du? Oder bäckst du nicht? Welcher Kuchen kommt garantiert bei allen gut an? Ich freue mich auf das, was du teilst :-)

Lektorat: Andreas Fischer – danke!

Der Laacher-See-Vulkan bricht aus. Und noch 13.000 Jahre später prägt das unser Leben - das begreift der Besucher mit Haut und Haar im Lava-Dome Mendig. Foto: Dorothea Müth

Know your landscape – know your job

Joggen, Sauna, Schäfchenzählen: Es gibt viele Arten abzuschalten und runterzukommen, wenn du Stress hast. Eine besonders wirksame Art wieder ins Gleichgewicht zu kommen ist: deinen Platz in der Landschaft zu finden. Damit meine ich dies:

Wer ist hier der Chef?

Geh raus und erkunde, wer hier wirklich das Sagen hat. Wenn die kritischen und fordernden Stimmen in deinem Kopf nicht mehr verstummen, wenn du dich Aufgaben nicht gewachsen fühlst… dann geh auf einen Turm, einen Berg oder eine Brücke. Fühle, höre, beobachte mit allen Sinnen: Wer ist hier der Chef? Ist es das Meer, ist es der Rhein, sind es die Autos, die Wolken oder die Sonne?

Da, wo ich wohne – am Mittelrhein zwischen Köln und Koblenz – sind es die Vulkane. Ja, immer noch!

Wie mächtig und umwälzend die innere Dynamik der Erdkugel im Vergleich zu den menschlichen Innovationen ist, wurde mir mit Haut und Haar im Lava-Dome in Mendig in der Eifel klar: Er führt die Ausbrüche Wingertsbergvulkans vor 200.000 und des Laacher-See-Vulkans vor 13.000 Jahren vor. Bequem lässt man sich für die 3D-Show zunächst auf einem Sitzwürfel nieder, den Berg in sicherer Entfernung… Wie fühlt sich ein Vulkanausbruch an?

Fern und nah außer Kraft gesetzt

Die Umgebung ist auffällig ruhig. Die Tiere haben sich in Vorahnung etwas Bedrohlichen schon zurückgezogen. In der Luft zieht ein Sturm auf. Sekunden später Wetterleuchten, der Boden bebt…  Man wird ergriffen von der Eruption, um die Ohren rauscht es, oben und unten, fern und nah außer Kraft gesetzt. „Tagelang regnet es Bims und Asche“, sagt eine Stimme beim Ausbruch des Laacher-See-Vulkans. Und dass die Rauchsäule 30 Kilometer hoch in den Himmel steigt.

Es regnet tagelang Bims und Asche, wenn ein Vulkan ausgebrochen ist. Die 3D-Show im Lava-Dome Mendig lässt das fühlen. Foto: Dorothea Müth

Tagelang regnet es Bims und Asche, wenn ein explosiver Vulkan ausgebrochen ist. Die 3D-Show im Lava-Dome Mendig lässt das fühlen. Foto: Dorothea Müth

Glühend gelb rollt eine Magmalawine den Wingertsberg hinunter, übermächtig schön. Es dauert Monate, bis die 15 Meter dicke Lavaschicht um Mendig nach dem Ausbruch abgekühlt ist. Und Jahre, bis wieder etwas wächst.

Er schläft nicht: Wir leben auf einem unruhigen Planeten

Zwar ist in Deutschland schon seit dem Ulmener Maar vor 11.000  Jahren kein Vulkan mehr ausgebrochen. Doch das heißt noch lange nicht, dass etwa der Laacher-See-Vulkan schläft, gar für immer. Im Laacher See (und in der Umgebung) blubbern permanent vulkanisch entstandene Gase an die Wasseroberfläche. „Mofette“ heißt solch ein Austrittspunkt. Hier zischt und klimpert es, kontinuierlich, eigenwillig, unüberhörbar. Wo Mofetten aus dem mit Wasser gefüllten Vulkankrater aufsteigen, riecht die Luft sauer.  Es lohnt sich, das zu beobachten. Denn wenn sich der CO2-Ausstoß intensiviert, kann das vulkanische Aktivitäten ankündigen. Hier ein Live-Eindruck vom Mofetten-Schauspiel:

Vulkane prägen unser Leben – immer noch

Tatsächlich bestimmen die Feuerberge unser Leben in der Eifel, am Rhein und sogar bis Köln, sie ernähren es und richten es aus –  immer noch. Hier die Beweise:

  • Wasser: Eine Vielzahl an Mineralwassern in der Eifel quellen durch vulkanisch entstandene Kohlensäure hervor: Gerolsteiner ist das bekannteste; auch das Dauner, Brohler, Dreiser und die Nürburg Quelle sind solche lebendigen Sprudelwasser.
Foto: Dorothea Müth

Säuerlich, sprudelig, erstaunlich: Die kleine Mineralwasserquelle Harborn bei Kottenheim in der Eifel ist so eisenhaltig, dass sie Stein (und Hände) braunrot färbt. Sie schüttet etwa zwei Liter pro Minute aus. Foto: Dorothea Müth

 

  • Baustoff: Die Eruptionen haben Stein hinterlassen, mit dem wir immer noch bauen. Auf dem Traumpfad „Vulkanpfad“ lassen sich die Dimensionen gut erwandern. So ein Lavastrom war Dutzende Meter hoch und floss mit mehr als 100 km/h durchs Land! Die Flutwelle, die er im Rhein auslöste, würde heute bis Köln schwappen. Immer wieder steht man staunend vor den Relikten: Am Waldweg tut sich plötzlich eine fast lotrechte Basalt-Kletterwand auf, Schlacke obendrauf. Über die Wipfel der (bei näherem Hinsehen jungen) Bäume grüßen verlassene Kräne; noch vor wenigen Generationen waren sie Vorreiter der gesellschaftlichen Entwicklung.  Schon von Weitem hört man beständiges Hupen und Brummen: Lkws – die Baustoffindustrie wirtschaftet bis heute mit den Feuersteinen. Und wenn ich für eine indianische Schwitzhütte geeignete Steine suche, die viel Hitze speichern,  dann sammle ich diese bei ehemaligen Basaltlavasteinbrüchen in Eifel und Westerwald.
Der pyroklastische Strom ist zu Säulen erstarrt: Jetzt nutzen Sportkletterer bei Kottenheim ihn als Übungswand. Foto: Dorothea Müth

Der pyroklastische Strom ist erstarrt: Jetzt nutzen Sportkletterer bei Kottenheim ihn als Übungswand. Foto: Dorothea Müth

Auf diesem Lavasockel stand einmal ein Kran, eine Seilwinde oder ein Göpelwerk. Die letzten Reste überwuchern jetzt Birken. Foto: Dorothea Müth

Einsamer Riese: Auf diesem Lavasockel stand einmal ein Kran, eine Seilwinde oder ein Göpelwerk. Foto: Dorothea Müth

 

Der Bellberg in Ettringen ist durch eine Eruption entstanden. Die Caspar Lavawerk GmbH baut hier noch immer Stein ab. Foto: Dorothea Müth

Der Bellberg in Ettringen ist durch eine Eruption entstanden. Die Caspar Lavawerk GmbH baut hier noch immer Vulkanstein ab. Foto: Dorothea Müth

  • Infrastruktur: Die noch heute steingrau anmutende Stadt Mendig hat seit der Römerzeit Mühlsteine und andere Basaltlava-Produkte exportiert. Dafür wurden Bahnstrecken und Rheinhäfen wie der in Andernach ausgebaut – eine Infrastruktur, die wir heute selbstverständlich nutzen. Weil die Lava in der Mitte ab langsamsten abkühlte, ist der Stein dort am dichtesten: Die Abbauer gruben sich deshalb in die Tiefe. Auch in diese Stollen flüchteten die Menschen im Krieg.
Zuerst Römerwege, dann Lorengleise: Um die Basaltlava abzubauen, wurde viel Infrastruktur geschaffen. Foto: Dorothea Müth

Zuerst Römerweg, dann Gleiser für die Loren: Um Basaltlava abzubauen, wurde viel Infrastruktur geschaffen. Foto: Dorothea Müth

Exkurs 1: Auch die Gründung der Raiffeisengenossenschaft ist auf die Auswirkungen eines Vulkanausbruchs hin entstanden: Aschewolken zweier pazifischer Feuerberge machten den Sommer 1846 in Europa extrem kühl. Im Westerwald fiel die Ernte aus. Der Bürgermeister und Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen sorgte für Umverteilung, gab Getreide und Saatkartoffeln aus. Gemeindebackhaus und Hilfsverein aus dieser Zeit sind Vorläufer der heute ganz Mitteleuropa verbreiteten Raiffeisenbank und -warenlager.

  • Abenteuer: Grandios erscheint das beim Steinabbau entstandene Schächtesystem im Mendiger Lavakeller: Mit Helm geht es 30 Meter in die Tiefe. Ein Wassertropfen braucht zwei Wochen bis hierhin. Eine vielraumige unterirdische Kathedrale tut sich auf, konstant feucht und kühl. Fledermäuse fühlen sich wohl, zeitweise kühlten und gärten hier 28 Brauereien kostengünstig ihr Bier. Heute ist der Lava-Keller Kulisse für Filmdrehs, Percussion, Hochzeiten, Gottesdienste, Kunst und Tourismus.
Mit Helm und Grubenlampe die ausgetretenen Stufen hinab: 160 Schächte führen in Mendig in ein unterirdisches Netz von Lavakellern. Foto: Dorothea Müth

160 Schächte führen in Mendig in ein unterirdisches Netz von Lavakellern. Foto: Dorothea Müth

Kann eine Kathedrale majestätischer sein? 32 Meter unter der Erde stehen diese Basalt-Säulenhallen. Foto: Dorothea Müth

Kann eine Kathedrale majestätischer sein? 32 Meter unter der Erde stehen diese Basalt-Säulenhallen. Foto: Dorothea Müth

Sterntaler-Plakat im Lavakeller: Der Vulkanausbruch hat der Region eine Zeitlang gutes Geld beschert. Foto: Dorothea Müth

Sterntaler-Plakat im Lavakeller: Der Vulkanausbruch hat der Region eine Zeitlang gutes Geld beschert. Foto: Dorothea Müth

Die Natur ist groß und ich darf hier wohnen

Die Macht der Natur ist groß und wirkt lange. Was vermag ich zu tun, zu erkennen? Wenig. Das ist nicht Nichts. Aber lohnen sich Stress, Leistungsdruck, Workaholismus?

Ob ich meinen Job brillant, mau oder nur gut mache, ob ich dafür zwei Stunden mehr oder weniger arbeite, das ändert nichts. Ich kann meine Aufgabe an meinem Platz erfüllen, kann mit Freude bauen, verkaufen, lehren, schreiben oder was eben meine Arbeit ist. Aber ich muss nichts.

Ich muss nichts

Indem ich meinen Arbeitsort von einem Aussichtspunkt aus betrachte, verbindet er sich organisch und harmonisch mit seinem Umfeld. Auf einer Brücke, einem Turm oder auch in einem geografiehistorischen Museum sehe ich, wie alles zusammenwirkt: Die Flüsse, die Berge, der Verkehr. Die Schulen, Ämter und Banken, Lehrer, Broker und Manager. Ich und du. Heute arbeiten wir mit Lkws und Computern. Demnächst wird es anders sein. Und ich erkenne: Von meinem Tun geht die Welt weder auf noch unter.

Exkurs 2: Und wovon geht sie unter? Womöglich auch durch Sturmfluten im Meer. Bei Dangast an der deutschen Nordsee reichte das Land bis vor 200o Jahren noch zwei Kilometer weiter. Sturmfluten im Mittelalter holten aber das ganze Kirchspiel Arngast ins Meer. Ein Denkmal mit Sturmglocke erinnert: Die Beziehung zwischen Land und Wasser ist immer in Bewegung.

Du darfst wohnen auf  dieser Erde. Wo hast du solche Aha-Erlebnisse gehabt? Was hat dich staunen und übergreifende Zusammenhänge erkennen oder ahnen lassen? Welchen Trip empfiehlst du? Ich freue mich auf deine (Ein-)Sichten!

Ein Beitrag von Dorothea Müth

Ob in Frankfurt, Madrid, Marburg oder Quito, ich habe es immer als harmonisierend empfunden, die Geografie meines Lebensortes zu erkunden und zu verstehen. In der ecuadorianischen Hauptstadt war ich von aktiven, 5000 Meter hohen Anden-Vulkanen umgeben: Der Tungurahua etwa rauchte und schnarchte regelmäßig, wie die Einheimischen sagen. Als ich nach Rheinland-Pfalz zog und mir dieser Landstrich zunächst eher ruhig und mittelmäßig vorkam, war ich überrascht, nach und nach die faszinierenden Zeugnisse von produktivem Vulkanismus ausgerechnet hier so gehäuft zu entdecken. Unser Planet schläft nicht, nirgends!

Lektorat: Andreas Fischer – danke!

Zottiges Fell, große braune Augen und Hörner: Das Bison vermittelt urtümliche Kraft. Foto: Dorothea Müth

Mit Tieren lernen: Wenn Nachrichten in dein Leben fliegen

Manchmal fällt ein Tier besonders auf. Du bewunderst das reine Weiß eines Schwanengefieders, bist fasziniert von der Urtümlichkeit einer Bisonherde oder lauschst einem Specht. Das Tier erregt die Aufmerksamkeit mehrmals hintereinander oder es beeindruckt mit nur einem Mal stark. Diese Begegnung kann dir etwas bedeuten: Es gibt etwas zu lernen von diesem Tier. Es unterstützt dich bei einer aktuellen Frage oder Aufgabe. Wie ? Drei Beispiele:

Zottiges Fell, große braune Augen und Hörner: Das Bison vermittelt urtümliche Kraft. Foto: Dorothea Müth

Zottiges Fell, große braune Augen und Hörner: Das Bison vermittelt urtümliche Kraft. Foto: Dorothea Müth

Der Specht klopft ans Herz

Es war Neujahr, ein stiller, feuchter, grauer Tag. Es schien, als sei ich die einzige, die an diesem Ende des Westerwalds unterwegs war – verwirrt von den Ereignissen der Silvesternacht; mich fragend, was sie bedeuten und wie ich damit umgehen will. Ich spazierte also „im Walde so für mich hin“, als ein Geräusch mich plötzlich aufmerken ließ. Ich lauschte. Leise und bestimmt drang es von hoch oben zu mir herab: Ein Specht! Ich konnte ihn nicht sehen, sondern nur hören, wie er in vielen Metern Höhe auf einen Baumstamm einhämmerte.

Aus meinem Gedankenkreiseln holte mich das irgendwie ins Jetzt. Ich blieb noch eine ganze Weile stehen um dieser Neujahrsmusik zuzuhören. Immer, wenn ich dachte: Jetzt ist er weg, jetzt hat er aufgehört, fing das Pochen von Neuem an. Der Specht hat wohl seinen ganz eigenen Rhythmus aus Klopfen, Pausieren, Klopfen, dachte ich… und erinnerte mich in diesem Moment daran, dass auch in mir etwas in ganz eigenem Takt und ohne Unterlass schlägt: mein Herz!

Lächelnd ging ich weiter: Was auch immer im Außen passiert, mein Herz schlägt für mich. Ein paar Tage später traf ich den Specht wieder. In dem Park, wo ich fast täglich eine Runde drehe und der Specht bestimmt das ganze Jahr über klopft, erreichte ausgerechnet jetzt sein Trommeln erstmals mein Ohr. Drei Schläge, Pause, drei Schläge, Pause… Kein Zufall! Eine Recherche ergab: Als schamanisches Krafttier erinnert uns der Specht tatsächlich an die Kraft des Herzens. An unsere Bedürfnisse und an unsere Fähigkeit zu lieben…

… und mein Herz schlägt für mich!

Okay, dachte ich, hör auf dein Herz – auch wenn dies nicht dem im Kopf gemachten Lebensplan fürs neue Jahr entspricht.

Und es war schön, mir das zu erlauben. Ich wagte ein Date mit meiner Silversterbegegnung. Ich ließ mich ein, auch wenn ich keine Ahnung habe, was daraus werden kann.

Als ich danach wieder ins Räsonnieren kam und die Herzensangelegenheit zu Gunsten von vermeintlich viel wichtigeren Aufgaben beiseite schieben wollte, klopfte sich der Specht noch ein drittes Mal in mein Bewusstsein – bei der Arbeit!

Aye aye, Sir, und danke! Arbeit und Liebe sind nicht zwei getrennte Welten. Nein, Leben bedeutet zu integrieren und es mit Liebe zu tun. Tu alles mit Liebe.

Mit Ruhe und Beständigkeit kommen Bisons kraftvoll voran

Den ersten solchen Tierkontakt hatte ich mit einer Bisonherde. Ich war beklommen und mit Ungewissheit unterwegs. Arbeitsvertrag  und Weiterbildung zu Ende, Partnerschaft zu Ende und vor mir eine große Leere. Die Aufgabe, mir neue Arbeit und einen anderen Lebensmittelpunkt mit neuen Menschen zu suchen, ohne zu wissen, ob das alles Wochen oder Jahre dauern würde, machte mir Angst. Ich wusste nicht, wo anfangen…

Sie rupfen, kauen und verdauen mit Ruhe. Damit wecken die Bisons Vertrauen ins Leben und in die eigene Stärke. Foto: Dorothea Müth

Sie rupfen, kauen und verdauen mit Ruhe. Damit wecken die Bisons Vertrauen ins Leben und in die eigene Stärke. Foto: Dorothea Müth

In dieser Situation zog mich eine halbwild am Stadtrand lebende Bison-Herde wie magisch an. Ich sah sie zum ersten Mal in warmem Nachmittagslicht auf einer Wiese um eine große Linde grasen. Unablässig rupften, kauten, verdauten sie. Ein paar Kälber waren gerade soweit, dass sie auf staksigen Beinen laufen, spielen und dabei umfallen konnten. Die Mütter sammelten sie dann mit einem sanften Stupser wieder ein, ohne ihr eigenes Grasen zu unterbrechen. Nichts schien sie aus der Ruhe zu bringen.

An einen Hügel gelehnt, beobachtete ich sie lange. Ich staunte über den mächtigen Höcker, von dem aus ihr starker Rücken nach hinten abfällt. Ich fühlte die Kraft, die in dem zotteligen Fell, den Bärten, den weit geschwungenen Hörnern steckt. Kein Wunder, dass dieses Tier schon den nordamerikanischen Indianern besonders heilig war…

Frieden breitete sich in mir aus. Geh deinen Weg – beständig und mit Ruhe. Es ist alles da, was du dafür brauchst. Wenn ich mich mit diesem Vertrauen füllen möchte, fahre ich zu den Bisons und schaue ihnen einfach ein Weilchen zu, was sie machen und wie sie das machen. Dabei öffnet sich mir das Bewusstsein für die Fülle, die Kraft und das Vertrauen, die da sind – in mir und um mich herum.

Bsss… eine Fliege lässt sich nicht verscheuchen

Nicht immer weist ein Krafttier auf Angenehmes hin. Als ichvon einer Reise zurückkehrte, überraschte mich eine Stubenfliegenplage in meiner Wohnung. Konnte das sein? Im November?! Strafe dafür, dass ich den Biomüll nicht rausgebracht hatte?

Es konnte sein. Dutzende summten an Fenstern und Lichtern, putzten sich die Beinchen, knabberten Krümel vom Boden und Schokoladenstückchen aus dem Silberpapier. Und vor allem konnte ich nicht eine Minute in Ruhe meinen Gedanken nachhängen, ohne dass sich ein Plagegeist kitzelnd und nervend auf mir niederließ.

Tja, und was pflegte ich für Gedanken? Ich hing einer zauberhaften Begegnung auf dieser Reise nach. Bsssss… Ich wünschte mir, dass dieser Zauber weiterging… bsssss… doch ein Lebenszeichen des Partners in dieser Begegnung blieb plötzlich aus. Ich war wohl nicht mehr begehrt… bssss… nicht attraktiv genug… Hau ab! – ein Grund, mich ungeliebt, minderwertig, leer zu fühlen? Bsssss…

Ist die Bestätigung eines Mannes etwa meine einzige Quelle der Erfüllung? Bssss….

Essens- und andere Reste

Ich konnte es nachlesen, ich konnte es aber auch live erspüren: Die Fliege provoziert mich. Sie fordert meine Grenzen heraus, meine Geduld und meine Entscheidung. Die, die sich von Essensresten anderer ernährt, weist sie auch auf vermeintlich niedere Tatsachen hin: Auf Eitelkeiten des Egos und Bedürfnisse, die wir vielleicht nicht anerkennen mögen. Die Fliege wird überall verscheucht und kehrt doch unermüdlich zurück. So erinnert sie an Schatten, die gesehen und angenommen werden wollen.

In meinem Fall half selbst ein Leimband, wie ich es eigentlich nur im Hochsommer aufhänge, nicht gegen die Plage. Ein paar Fliegen wollten sich einfach nicht festnageln lassen. Die Aufgabe für mich war wohl, mit ihnen auszukommen. Es dauerte zwei Wochen, bis sich der Fall von selbst erledigt hatte.

Wie erkenne ich die Botschaft?

Das Tier, das mich beeindruckt, erinnert mich also an mich selbst: an Ressourcen, die ich in mir trage und die mir zur Verfügung stehen, und an Gefühle, die ich vielleicht lieber unterdrücken würde.

Wie jedoch erfahre ich dir „richtige“ Botschaft des Tiers? Wie kann ich sie identifizieren und annehmen?

Ich habe dafür zwei Wege gefunden:

  1. Das Tier in seinem Lebensraum beobachten: Wie bewegt und äußert es sich? Wie versorgt es sich mit Nahrung? Was fallen mir für Qualitäten zu diesem Tier ein? Und was bewirkt es in mir, ihm zuzusehen?
  2. Schamanisches Krafttierwissen befragen: Die Informationen in Büchern oder Blogs zu Krafttieren ergeben sich häufig aus dem Beobachten des Tiers. Dennoch sind die vielfältigen Krafttierseiten nicht deckungsgleich, obwohl sie meist einen gemeinsamen Tenor haben. Ich vertraue darauf: Wenn ich mich entspannt öffne für die Wahrheit, dann wird mich genau die Botschaft berühren, die jetzt für mich dran ist. Als meine liebsten Krafttierseiten empfehle ich:

Danke den Betreibenden dafür, dass sie ihr Wissen teilen!

Du bist frei, dir die Unterstützung des Tieres zu veranschaulichen, indem du ein Foto von ihm aufhängst, es malst, eine Feder aufbewahrst oder dir ein Kuscheltier besorgst.

Weiß und weich auf meinem Weg durch den Wald: Federn in anmutiger Blütenform. Was lässt das in mir anklingen? Foto: Dorothea Müth

Weiß und weich auf meinem Weg durch den Wald: Federn in anmutiger Blütenform. Was lässt das in mir anklingen? Foto: Dorothea Müth

Andere Zugänge zur Tierkraft

Auch andere Lehren nutzen den Kontakt mit Tieren, um die Lebenskraft zu stimulieren und sich selbst zu begegnen:

Imitation der Bewegung: Im Yoga ahmen einige Haltungen Tiere nach, zum Beispiel die Asanas von Kobra, Heuschrecke und Adler. Ostasiatische Kampfkünste trainieren ganze Bewegungsabfolgen im Stil eines Tiers;  Shinson Hapkido etwa tanzt Kranich und Affe.

Ähnlichkeit der Energie: Die auf dem Prinzip der Ähnlichkeit beruhende Homöopathie setzt die Energie von Pflanzen und Tieren ein, um den menschlichen Körper an eine Selbstheilungskräfte zu erinnern. Pferdemilch etwa nährt den Teil in uns nach, der sich nach Freiheit sehnt.

Reise: Auf eine schamanischen Krafttierreise gelangt man auf der Seelenebene des Bewusstseins zu einem Tier. Eine Freundin hat mir berichtet: Ihr ist in einer Phase, in der sie sich verlassen und voll Gram fühlte, auf solch einer Reise eine Robbe begegnet, die im Meer mit ihr spielen wollte. „Sie hat mich daran erinnert, dass es in meinem Leben auch fröhliche, spaßige und leichte Seiten gibt.“

Warum und wozu? Das gibt dir lebendiger Tierkontakt:

  • Du spürst dich als Teil der Natur, als Teil eines vielfältigen Ökosystems im Kreislauf von Werden, Wachsen und Vergehen. Du bist mit Allem verbunden.
  • Du erhältst Rat und Stärkung, ohne dass dies Geld kostet.
  • Diese Begegnung ist sinnlich. Du siehst und hörst das Tier, berührst es vielleicht und ahmst es nach. So lernst du mit viel mehr Sinnen als etwa bei Schreibtischarbeit und ganzheitlicher als dies geschehen kann, wenn du ausschließlich liest oder diskutierst.
  • Tiere berühren und öffnen unser Herz. Sehr deutlich ist mir das bei einem Kongress geworden, in dessen Anschluss es eine Führung durch den Zoo gab: Aus der Menge der ernsthaften, auf Form bedachten Anzugträger*innen waren auf einmal überraschte Ausrufe, Lachen, Freude zu hören. Manche taten einen spontanen Hüpfer, andere kamen ins Laufen. Die Tiere haben buchstäblich die Fassade zum Bröckeln gebracht. Wenn du mit Tieren in Kontakt gehst, kommst du deinen wahren Bedürfnissen näher.

Ich wünsche dir tierisch gute Inputs!

Wer kam womit in dein Leben? Ich freue mich, wenn du von deinen Erlebnissen hier etwas teilen magst.

Dies ist ein Beitrag von Dorothea Müth

Als Mädchen habe ich mit Kühen auf einem Bauernhof gearbeitet, einen Hund ausgeführt und mir ein Pferd gewünscht. In meinen Wohnungen kam dann aber immer wieder ein anderes Tier zu mir: Oft suchte sich eine Katze ausgerechnet mein Zimmer als Lieblingsplatz aus – oder war es andersherum? Katzen bedeuten mir Entspannung, Kraft und Wohlgefühl – mit sich selbst und mit der Umgebung.

Als ich mich für indianische Rituale zu interessieren begann, wobei Krafttiere als Geisthüter von Himmelsrichtungen und Jahreszeiten gelten, öffnete sich meine Wahrnehmung für diese schamanische Perspektive.

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, zeigt es sich mir als reicher Reigen von Tierbegegnungen: Das Pferd hat mich mit seinem warmem Atem aus weichen Nüstern und mit seinen schlanken, feinen Gliedern an meine Freiheitsliebe erinnert; das Rotkehlchen hat gezeigt, dass zum Leben auch das Sterben gehört und ich trotzdem singen kann; der Schwan auf spirituelle Gnade verwiesen; Ratten und Mäuse auf emsiges, nicht zimperliches Nestbauen; und der Uhu hat das Vertrauen in meine Intuition erweckt…  Auf diese Weise begleiten auch Tiger und Drache das allesleben-Blogprojekt.

Lektorat: Katrin Strumpf

Tali europaeisch. Foto: Dorothea Mueth

Schmecke und iss… dass es eine wahre Lust ist!

Ich schreibe heute über eine meiner größten Leidenschaften. Und ich bin sicher, es ist auch eine deiner Lieblingsbeschäftigungen: Essen! Mmmm, lecker… eine wichtige Quelle von Befriedigung und Erfüllung ist das.

Tali europaeisch. Foto: Dorothea Mueth

In dieser Mahlzeit schmecke ich die ganze Erde.

Essen hält uns wach, lebendig und leistungsfähig. Jede*r hat etwas, das sie liebt und er überhaupt nicht mag. Italienisch, Sushi oder „gutbürgerlich“ – worauf hast du heute Lust? Wir wünschen uns Abwechslung und wählen aus. Wir verabreden uns für ein Wiedersehen im Restaurant. Essen markiert den Start in den Tag, die Pause bei der Arbeit, den Feierabend. Doch trotz dieses zentralen Stellenwerts passiert es schnell, dass wir dabei etwas anderes tun.

Warum ist Essen oft Nebensache?

Smsen, blättern, diskutieren wir dabei, weil Nahrungsaufnahme nichts Besonderes ist? Weil Essen, seit wir denken können, immer wieder geschieht, automatisch? Oder etwa, weil wir uns keine Pause gönnen? Gestehen wir es uns zu, einfach nur zu essen, nur diese eine Sache zu tun?

Ich zum Beispiel: Ich checke und bediene meine Social-Media-Kanäle beim Frühstück. Am Wochenende verabrede ich mich gerne zum Brunch mit einer alten Freundin – da sie weit weg wohnt, „treffen“ wir uns dazu am Telefon oder auf Skype. Unter der Woche komme ich öfter nur im Auto zwischen zwei Terminen zu meinem Mittagsbrötchen. Beim Tippen stopfe ich Süßes in mich hinein, und zwar umso mehr, je näher die Abgabefrist rückt. Und abends entspanne ich bei Pizza und Film. So hatte ich mir das mal angewöhnt in Zeiten, als ich alleine lebte und viel unter Druck arbeitete.

Zufrieden war ich allerdings selten nach dem Essen. Nicht einmal satt. Höchstens voll. Und trotzdem dachte ich bald begierig an den nächsten Snack.

Das waren auch die Zeiten, in denen ich zunahm – selbst wenn ich es zwischendurch mit viel Salat, Obst und Nüssen statt Schokolade versuchte.

Glücklicherweise gab es auf meinem Weg ein paar Erfahrungen und Erkenntnisse, die mir ermöglichen jetzt – meist – anders zu essen: bewusster, wertschätzender, genussvoller!

Haende voll Brombeeren. Foto: Dorothea Mueth

Brombeeren frisch gepflückt im August im Westerwald: Das genieße ich ganz bewusst…

Achtsamkeit beim Essen macht glücklich

  • Wenn ich bewusst esse, bin ich auch bewusst satt: Ich kommuniziere dann feiner mit meinen Bedürfnissen, meinem Appetit, Hunger und Völlegefühl. Ich spüre und achte, was ich wirklich brauche und wann es genug ist.
  • Die Verdauungskraft ist stärker, wenn ich nur esse. Es ist erwiesen, dass man unter Stress deswegen zunimmt, weil dann die Verdauung schlechter ist. Das ist logisch: Sitzen wir am Computer oder Steuer, ist der Körper ist auf eine andere Leistung konzentriert. Er kann dann nicht mit voller Kraft die Nahrung aufspalten und bestmöglich verwerten.
  • Ich habe mich gefreut aufs Essen, auf die Pause, auf das, was ich mir ausgesucht habe! Jetzt ermögliche ich mir mit Achtsamkeit, diesen Moment zu feiern.
  • Ich kaufe nur das an Nahrungsmitteln, was ich (ver)brauche. Im Moment bringt mich das sehr begrenzte Hartz-IV-Budget dazu, diesen Vorsatz wirklich umzusetzen. Eine gute Schule! Ich besorge einmal wöchentlich Lebensmittel, überlege und notiere vorher, was ich konsumieren möchte. So schaffe ich es, größtenteils ökologisch und fair einzukaufen.

Ich finde die Kultur der nordamerikanischen Indianer dazu inspirierend und hilfreich: Sie haben nicht Tausende Bisons erschossen, um ihnen bloß das Leder abzuziehen. Wenn sie ein Tier erlegten, haben sie alles verwendet: das Leder für Kleidung, das Fleisch auch getrocknet als Wintervorrat, die Hörner als Wasserbecher, die Zähne als Schmuck… Es gab praktisch keinen Müll. Denn:

„Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns.“

Fruechtemandala. Foto: Dorothea Mueth

Mein Teller ist reich gefüllt – auch in der Fastenzeit.

Für mich ist immer reich gesorgt

  • Es heißt, dass man in einem Bissen die ganze Erde schmecken kann. Es lohnt sich, gerade bei den ersten Happen alle Sinne dafür einzusetzen, das zu erfahren: Sieh wie bunt, rieche wie duftend, höre wie brutzelnd, taste wie einzigartig und schmecke wie köstlich dieses Mahl ist.
  • Die meisten Essen-Fotos in den sozialen Medien, die sich selbst „foodporn“ schimpfen, sind Ausdruck dieser Freude: Mir ist ein leckeres Gericht gelungen oder serviert worden!
  • Fülle habe ich kurioserweise ausgerechnet beim Fasten entdeckt: Ich nahm zehn Tage lang „nur“ Obst und Gemüse zu mir. Anfangs war ich auf den Kaffee-Entzug und anderes „nicht Dürfen“ fokussiert. Aus einer Laune heraus habe ich mir die Diätkost „wenigstens“ schön angerichtet als Mandala auf einem großen Teller. Überraschung: Aus „den paar Rohkost-Schnitzen“ wurde eine prachtvolle Blume, die mich restlos satt gemacht hat.
  • Mutter Natur beschenkt uns: Löwenzahn, Sauerampfer, Kirschen, Beeren, Quitten, Birnen, Äpfel und Walnüsse reifen in viel mehr Fülle, als wir ernten. Unsere Kreativität ist gefragt dafür, dieses Geschenk anzunehmen. Ich lernte: Aus Äpfeln kann man nicht nur Saft, Mus und Kuchen machen – sondern auch Suppe (z.B. mit Süßkartoffeln und Ingwer), Apfelringe trocknen und Spalten einfrieren für frische Pfannkuchen später im Jahr.
Apfeltasche. Foto: Dorothea Mueth

Noch vor dem ersten Frost auf einer Streuobstwiese gesammelt: Die Natur versorgt uns oft großzügiger, als wir ernten mögen. Danke.

Danken verbindet

  • Selbst, wenn du es allein für dich gekocht hast – zu dem Essen vor dir auf dem Teller haben sehr viele beigetragen: Pflanzen und Tiere, Mineralien, Bauern, Bäuerinnen und Speditionen, Supermarktangestellte und nicht zuletzt du selbst. Sie haben dies an vielen Orten der Erde getan, unter unterschiedlichen Bedingungen, und all diese Energie kommt hier zusammen. Allen gebührt Wertschätzung.
  • Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir besser schmeckt und bekommt, wenn ich mich mit allen Beitragenden gedanklich verbinde, bevor ich mich über das Essen hermache. Inspiriert vom buddhistischen Philosophen Thich Nath Hanh halte ich inne mit Worten wie diesen:

Ein Lächeln allen, die hierzu beigetragen haben. Ein Lächeln denen, die mit mir am Tisch sitzen, und ein Lächeln mir. Ich weiß, dass das, was jetzt bunt, gesund und warm vor mir steht, auch viel Leid erhält. Ich werde etwas dafür tun, dass allen Lebewesen gute Nahrung zu Verfügung steht.“

  • Meinen Dank und dieses Versprechen lasse ich deutlich vernehmen. Denn es heißt, dass laut Ausgesprochenes mehr Wirkung hat, auch in öffentlichen Räumen. Gerne bilde ich dazu mit den Händen einen Segensraum für die Mahlzeit.
  • Eine andere Möglichkeit ist, nach dem Essen zu danken, wenn du satt bist. Vielleicht mit Thich Nath Hanhs Worten der Achtsamkeit und Verbindung:

Ich danke meinen Eltern, meinen Lehrerinnen und Lehrern, meinen Freundinnen und Freunden und allen Lebewesen, die mich unterstützen.“

Ich gönne dir und uns genießerisches Essen! Lass uns in dieser Weisheit sein:

„Wenn ich esse, dann esse ich.“

Mögen wir Sinnenfreude erleben mit der wundervollen Vielfalt und dem Kreislauf des Lebens, das uns so großzügig versorgt!

Fruehstuecksglueck. Foto: Dorothea Mueth

Und alle Sinne essen mit… Frühstücksglück!

Ich & Essen

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der wir immer gemeinsam und am Tisch gegessen haben, wofür ich sehr dankbar bin. Auch dafür, dass das Essen gerecht verteilt wurde: Es bekam also nicht der am meisten, der am schnellsten schlang, sondern meine Mutter gab die zweite Runde aus, wenn alle soweit waren.

Solche Praxen schreiben sich tief in den Organismus ein. Ich habe auch eine mitgenommen, die mich immer noch beschäftigt: Die Süßigkeiten waren in einem unerreichbar hohen Schränkchen verschlossen. So haben meine Geschwister und ich uns angewöhnt, „eigene“ Süßigkeiten zu kaufen und diese heimlich zu essen.

Mein Verhältnis zum Essen ist auch von der Ayurveda-Lehre geprägt, die eine ausgleichende, frische, energetisch reine Ernährung als Schlüssel zu Gesundsein und Heilung sieht. Interessant war die Erfahrung im Ashram: Zum Mittagessen um 12 Uhr rief ein Horn alle zusammen, wir setzten uns in einen Kreis auf den Boden, die Teller wurden reihum gefüllt, und wir aßen darüber gebeugt mit der Hand – gar keine Chance also, etwas nebenher zu machen.

Immer wieder beflügelt mich meine Liebe zum Kochen dazu, wahrlich genussvoll zu essen: Besonders gern kreiere ich fantasievolle Salate, Gemüsecurrys, indische Talis und Gebäck.

Dies ist ein Beitrag (Text, Fotos) von Dorothea Müth. Lektorat: KatrinK – danke!

Foto im Museum Monrepos: Dorothea Mueth

Ich! Mich? Du. Wir….. erleben Menschsein im Schloss der Forscher

Das Ich verstehen. Mit Ehrgeiz und Gefühl, Leib und Seele den Menschen in mir erkennen: Darum geht es in Monrepos. Die Ausstellung über menschliche Verhaltensevolution macht erlebbar, womit ich mich jetzt von anderen Spezies unterscheide. Was hat den Mensch zum Menschen gemacht? Fähigkeiten wie Erfindergeist, Forscherdrang, Empathie und Bewusstsein.

Foto im Museum Monrepos: Dorothea Mueth

Fressen und gefressen werden: Wie würde ich mich verhalten, wenn das gilt? Jedenfalls Zähne zeigen!

Ich begreife mich. Und das in einem archäologischen Museum?! Ja, im 2014 neu eröffneten Schloss der Forscher in Neuwied gelingt das auf herausragende Weise. Und zwar vor allem deshalb, weil einzelne Entwicklungsstufen als Raum inszeniert sind.

Hackordnung am Wasserloch

Zwielicht und Dämmerung empfangen mich im ersten. Noch ehe ich mich orientieren kann, höre ich Raubtiergebrüll. Dem Widerhall nach zu urteilen, ist die Wildkatze nicht ganz in meiner Nähe, beansprucht mit dem Laut aus den Tiefen ihres Magens aber eindeutig das Revier. Vor mir kann ich schemenhaft Bäume, Büsche und Wasser in einer offenen Landschaft ausmachen – ich bin auf dem Weg zum Wasserloch, wie die anderen Bewohner der Steppe auch.

Und da gibt es eine Hackordnung. Schließlich wollen alle trinken und passen gleichzeitig auf, dass sie dabei nicht zur leichten Beute für Stärkere werden.

Über die silbrigen Vorhangfäden, auf die die Landschaftsfotos projiziert waren, laufen jetzt Sätze. „Den letzten beißen die Hunde.“ „Da kannst du nichts machen.“ Es sind die Gesetze der Steppe, die vor 2,5 Millionen Jahren auch für die Naturwesen gelten, aus denen sich der Mensch entwickelt hat. Ich spüre, wie ich mich am Wasserloch verhalten und fühlen würde: Ich bin auf Pirsch. Es geht ums Überleben.

Mit modern gestalteter Speisekarte und authentischem Schummerlicht kommt man auf den Geschmack der Paläo-Küche. Foto: Dorothea Mueth

Mit modern gestalteter Speisekarte und authentischem Schummerlicht kommt man auf den Geschmack der Paläo-Küche.

Da kann ich sehr wohl was machen!

Eines hat nicht überlebt: ein Kind, in dessen Schädeldecke Raubtierzähne ihre Abdrücke hinterlassen haben. Dieses Skelettteil ist das älteste menschliche Zeugnis im Museum. Es arbeitet zwar mit archäologischen Funden und Kopien davon, aber diese nehmen nur einen kleinen Teil des Raums ein.

Wer als Besucher in den Kosmos der Lebensbedingungen eintaucht, entdeckt die Fundstücke wie Brillanten. Ihre Bedeutung erschließt sich praktisch, theoretisch, evolutionär… Zum Beispiel das Steinmesser oder die Termitenangel: Diese ersten Werkzeuge sind für die Menschen ein Schritt raus aus dem „Da kannst du nichts machen.“

Vom neugierigen Wunderkind zum Machtmenschen

Von Raum zu Raum kann man dann mit epochalen Entdeckungen nachvollziehen, wie der Mensch und sein Verhalten sich weiter formen.

  • Neugier und Ehrgeiz: „Wunderkinder“ nennt das Museum den Seinszustand, in dem die Menschen vor etwa 1,6 Mio. Jahren lernen, Feuer zu machen.
  • Erst vor 300 000 Jahren kommt ein Wir-Gefühl auf: Die Gruppe praktiziert Zusammenhalt, feiert ihre „Helden“.
  • Zum „Gesellschaftswesen“ wird der Mensch, als er Kunst, Humor und Individualität entfaltet vor 40 000 Jahren.
  • Eigentum verpflichtet, und das lässt den Menschen sesshaft werden: Vor 14 000 Jahren ist der „Platzhirsch“ geboren.
  • Erst vor 8000 Jahren wird es möglich, systematisch Krieg zu führen: der Mensch ist sich seiner Macht bewusst.
Löwenmenschplastik im Museum Monrepos. Foto: Dorothea Mueth

In welchem Tier erkenne ich meine Persönlichkeit wieder? Dieser Entwurf eines Löwenmenschen ist 40 000 Jahre alt.

In der beseelten Mammutsteppe hat alles seinen Platz

Am schönsten finde ich es unter der roten Kuppel des vierten Raums. Hier in der Mammutsteppe, die vom Atlantik bis nach Sibirien reicht, hat der Mensch wohl den Sinn des Seins erkannt und seine Seele. Für diese steile These gibt es tatsächlich überzeugende Belege:

Die Landschaft besteht jetzt im Jungpaläolithikum nicht mehr hauptsächlich aus undurchdringlichem Wald, sondern wirkt großzügig, üppig, empfindsam. Der Mensch lebt mit den Tieren zusammen als Konkurrenten, Nahrungsspender und Partner.

Alles ist hier wertvoll, miteinander verbunden, Leben und Tod zeigen sich als Kreislauf: Aus diesem Verständnis heraus müssen die ersten Ritualbestattungen entstanden sein. Das Leben hat dabei die Farbe Rot: Für die 40 000 Jahre alten Höhlenmalereien Frankreichs haben die Menschen mit Vorliebe rötlichen Hämatit verwendet, ein Eisenoxidmineral. Es sind nicht nur sachliche Abbildungen, sondern poetische, verspielte, lebendige Interpretationen.

Der Löwenmensch

Eine Figur hat einen Löwenkopf. Dahinter mag die Frage stehen: „Welches Tier ist meiner Seele verwandt?“ Die Menschen mögen sich dazu in geselliger Runde am Feuer Geschichten erzählen.

Wer sich selbst als Robbe malt, beweist Humor! Foto im Museum Monrepos: Dorothea Müth

Wer sich selbst als Robbe malt, beweist Humor!

Karikaturen gibt es auch: Ein Mann ist mit wenigen Strichen zum Robbengesicht gemacht. Die Zeichnung zeigt, dass Humor und Flirt Einzug halten. Als wer würde ich mich ausgeben? Wie zeige ich meine Individualität, um mich von anderen zu unterscheiden? Dieses Gedankenspiel kann man zu Schlagermusik weiterspinnen, im Raum nebenan, der einer Kneipe ähnelt.

Was habe ich über mich, Mensch, gelernt auf Monrepos?

Das Ich-Bewusstsein wächst also wie die Jahresringe eines Baumes. Das heißt: Auch genau in diesem Moment entwickeln wir uns als Menschen weiter! Welcher Schritt vollzieht sich wohl derzeit?

Vielleicht sind wir dabei, das Ego zu transzendieren, um so die Einheit allen Seins zu leben. Mehrere Meditationslehren bemühen sich seit einigen Jahrzehnten darum. Die Autorin Ulli Nagel meint, dass die Gründe dafür überholt sind, Besitz und Anerkennung anzuhäufen:

„Wir sind jetzt materiell und psychologisch so frei, dass wir uns gemeinsam der Entwicklung unseres Bewusstseins widmen können.“

Solche Ansätze finden immer mehr Verbreitung…

Was noch

Nix Sojamilch und Dinkelrigatoni: Das angegliederte, stylishe Bistro „Heimathirsch“ serviert köstliche Paläo-Küche. Wie bei den Jägern und Sammlern kommen Beeren, Wildkräuter und erlegtes Tier in den Mund – Ernährung ist ein Schwerpunkt des Forschungsinstituts auf Monrepos. Trotzdem ist auch für heutige Geschmäcker etwas dabei.

Meine Empfehlung: Auf einem Terrassenfell den weiten Blick übers Neuwieder Becken bis in die Eifel genießen und dabei die Wunder des Menschseins feiern.

Monrepos gehört zum Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und bietet verschiedene Führungen durch die insgesamt neun Räume, darunter interaktive Action-Rundgänge mit Schauspielern als Guides.

Dies ist ein Beitrag mit Fotos (4) von Dorothea Müth. Danke fürs Lektorat an Fabian Strumpf!

Was bewegt mich? Foto: Dorothea Mueth

Was bewegt mich? Wenn die fiesen Fragen kommen… lauf los!

Die Frage, was mich wirklich innerlich und zutiefst bewegt, stelle ich mir oft. An manchen Tagen kann ich auf meine Depri-Stimmung und die Sinnfragen, die sich dann gerne auftun, nur mit der Ahnungslosigkeit von Ich weiß es nicht“ und meinem inneren Trotz reagieren: „Gar nichts bewegt mich.“ „Es ist nichts los und schon gar nichts, was ich toll finde!“ oder „Was soll mich denn schon bewegen?!

Was bewegt mich? Foto: Dorothea Mueth

Was bewegt mich?

An anderen Tagen, die nicht hier, nicht dort, weder gut noch schlecht sind, beantworte ich mir die Frage oberflächlich mit „Ja, also das Buch, das ich gerade lese, ist echt toll…“ oder „Das Gemüsegratin gestern war richtig lecker“. Und doch weiß ich, dass mich die Frage nach dem, was mich erfüllt und antreibt, auch ganz woanders hinführen kann – so ich mich denn darauf einlasse.

Die Spur führt nach innen

Was bewegt mich in der Tiefe, was berührt mich, was trägt mich? Wenn ich mir diese Frage stelle und dann den Spuren dessen folge, was in mir passiert… wenn ich meinem Inneren lausche, dann kann sie mich zu meinem Kern führen.

Theoretisch weiß ich „das alles“. Aber ich brauche mehr, als es theoretisch zu wissen. Ich will meiner Frage auf den Grund gehen und die Antwort fühlen. Will erfahren, spüren und merken, dass ich ganz erfasst und durchdrungen bin von dem, was mich bewegt.

Da sitz‘ ich also, gelangweilt vom Leben, und stelle mir Fragen und denke mir mit meinem schlauen Hirn Lösungen aus. Da lümmle ich in einer Sofaecke und grüble über den Sinn des Lebens nach. Endlich merke ich selber, dass mir das recht wenig bringt im Moment. Ich will raus aus dem Kopf!

Ich setze mich in Bewegung

Ich setze mich in Bewegung

Ich stehe auf… schnappe mir die Jacke… und… setze mich in Bewegung. Ich gehe los. Ich bin mir selbst die Freundin, die sagt: „Komm, lass uns ein paar Schritte zusammen gehen.“

Ganz in echt: Mich in Bewegung setzen

Die ersten Meter sind zäh. Ich schleppe mich voran. Setze Fuß vor Fuß und nörgele innerlich weiter, verschließe mich der Schönheit der Natur und bin dabei sehr verbunden: mit meinem Problem und meinen Verstrickungen.

Macht nix, ich geh‘ einfach weiter. Meine Füße tragen mich und ich sehe erstaunt, in welch kurzer Zeit die Natur die Landschaft verändert hat. Dann werde ich wieder von meinem inneren Theater abgelenkt, es ist einfach da und: nervt! Doch ich gehe weiter.

Fuß vor Fuß

Ich setze einen Fuß vor den anderen… oder tun die Füße das selbst?

Nach einer halben Stunde sieht die Welt ein bisschen anders aus. Plötzlich fallen mir Dinge ein, die man durchaus als positiv bezeichnen könnte. Meine Gedanken formen Sätze wie „Es ist schön hier“ oder „Die Luft tut unheimlich gut“.

Ich bin selbst überrascht, aber noch skeptisch. Und ich laufe weiter. Ich bemerke, wie mein Problem dadurch zwar nicht weg ist, aber mich nicht mehr voll und ganz beherrscht. Dieses In-Bewegung-Sein ist echt der Hammer. Durch die Bewegung aus mir heraus und auch, weil sich meine Umgebung ständig mit verändert, entsteht ein Mich-lebendig-Fühlen. In dieser Lebendigkeit halte ich mich auf.

Alles Leben ist Bewegung

Zu realisieren, dass wir immer in Bewegung sind, dass uns immer etwas bewegt, dass Bewegung überall ist, ob in uns oder um uns – das ist der erste Schritt. Ein Schritt ins Leben, ein Schritt ins Sein und ins Jetzt.

Und dann Antworten wie „Ich weiß es nicht“ anzuerkennen. Oder den Schmerz mit auf den Weg zu nehmen, ohne dass er Hauptakteur ist, und mutig und geduldig weiterzugehen.

Ich bin der Spur gefolgt und dabei bei mir gelandet. Dafür bin ich dankbar. Jetzt im Moment suche ich nicht mehr nach diesem Etwas – „etwas, das mich bewegt“. Sondern ich fühle, dass ich in Bewegung bin, dass ich lebendig bin und meine Bewegung im Einklang ist mit der Bewegung des Lebens, mit dem „Rhythm of Life“ (what a powerful beat)!

Ich bewege mich im Einklang mit den Rhythmus des Lebens

Ich bin in Bewegung und im Einklang mit dem Rhythmus des Lebens

Die Beine in die Hand nehmen

Ich bestärke dich und mich und uns alle darin, dass wir unseren Fragen auf den Grund fühlen – auch wenn eine Antwort nicht gleich zur Stelle ist. Dies ist eine Ermutigung, uns immer wieder in der Tiefe bewegen zu lassen, gerade weil wir nicht wissen, was dort schlummert und erweckt werden will.

Meine Empfehlung für heute: Nimm so viel Anlauf wie du brauchst und lauf einfach erst mal los – dann tut sich schon was…

Wenn Bewegte sich treffen

Rainer Maria Rilke hat ein Gedicht mit dem Namen „Was mich bewegt“ geschrieben. Es ist mir begegnet, nachdem ich diesen Text verfasst hatte. Ich war erstaunt, wie unsere Spuren sich bei dieser Frage treffen. Dass dieser Jemand aus einem anderen Jahrhundert etwas ganz Ähnliches ausdrückt, wie ich es hier versuche – mit etwas mehr Poesie.

Rilke endet mit den folgenden Zeilen, die mit Melancholie Mut machen, mir jedenfalls:

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Ein Beitrag von Katrin Strumpf

Katrin Strumpf

Katrin Strumpf

In meinem Alltag erfahre ich, dass die Mischung aus innerem Bewegt-Sein und freudig-körperlicher Bewegung mich inspiriert und mein Leben bereichert. Bewegung ist ein wichtiger Aspekt meines Lebens, ob beim Spazierengehen, auf Reisen oder beim Tanzen.

Es bewegt sich auch etwas, wenn ich Teil einer bewegten Unterhaltung bin, oder ich in meiner Heilpraxis Menschen dabei unterstütze, sich zu entfalten. Es ist mir eine Freude, diesen Kreislauf des Lebens aus stillem Sein und aktiver Bewegung bewusst mitzubekommen und wahrzunehmen: Alles schwingt.

Lektorat und Fotos (4): Dorothea Mueth

Blicke in die Flammen, und das Feuer gibt dir Antworten. Foto: Dorothea Mueth

Vertrau dem Feuer – es ist Kraft, die verwandelt

Es fällt uns oft sehr schwer, Liebgewordenes loszulassen: Zigaretten, die ich längst aufgehört haben wollte zu rauchen. Muscheln, die ich nicht wegwerfen kann. Und immer noch Sehnsucht nach einem Typen, mit dem sich eine Partnerschaft doch schon vor Monaten als unrealistisch erwiesen hat… Wir halten daran fest, auch wenn wir im Inneren wissen, dass seine Zeit vorbei ist. Eine Kraft, die dabei unterstützt, solche Verklebungen und Anhaftungen aufzulösen, ist das Feuer.

Foto: Dorothea Mueth

Blicke in die Flammen, und das Feuer gibt dir Antworten

Festgewordenes wird Rauch und Staub

Indem du das, was dir so schwerfällt hinter dir zu lassen, dem Feuer übergibst, schaffst du ganz praktisch Platz für Neues. Denn zunächst ist das, was du verbrennst, ja dann weg. Doch keine Angst und nicht zu früh gefreut: Es ist auch nicht „nichts mehr da“. Übrig bleiben Rauch und Asche.

Am Feuer öffnest du dich energetisch und richtest dich aus auf Veränderung und Weiterentwicklung. Nach dem Energieerhaltungsgesetz geht nichts verloren. Das, was das Feuer verbrannt hat, hat sich tatsächlich verwandelt. Der Rauch wird mit dem Wind weitergetragen, die festen Bestandteile haben sich in Asche transformiert.

Und Asche ist fruchtbar. Sie ist ein Düngemittel für Pflanzen und außerdem sehr sauber: Alles hat schließlich bei 250 bis 900 Grad Celsius gebrannt. Asche ist auch ein alte Zutat zur Herstellung von Seife.

Lass los, was dich begrenzt

So wie mit Holz und Papier geht es auch mit anderem, das du bewusst und vertrauensvoll ins Feuer gibst: Kleidung, die du ablegen willst, oder ein Gefühlszustand, aus dem du dich befreien möchtest. Ihn kannst du auf ein Stück Papier schreiben oder ein Symbol wie Ast, Stein, Blume dafür finden, das du dem Feuer übergibst.

Das, was du dem Feuer übergibst, verwandelt sich

Das, was du dem Feuer übergibst, verwandelt sich

Ich habe nach vier Jahren als Tageszeitungsjournalistin alle meine Notizbücher am Rheinufer verbrannt. Ein Freund hat sich nach 20 Jahren Rauchen entschlossen damit aufzuhören und zur Bekräftigung sein letztes Päckchen Tabak Prise für Prise ins Feuer gegeben.

Das Feuer gibt Antworten

Doch auch, wenn du gar nichts Konkretes hast, was du dem Feuer übergeben willst, bringen die Flammen dich weiter. Wenn du eine Weile ins Feuer schaust – einfach so, wie du bist, und mit dem, was dich gerade beschäftigt – dann wird dir ein Aspekt des Feuers ins Auge springen, etwas an der Form und Dynamik der Flammen auffallen. Und das wird dir etwas sagen: einen Hinweis, den du womöglich unbewusst schon in dir getragen hast.

Während meiner fünf Monate in einem Ashram im Himalaya saß ich jeden Morgen und Abend in der Dämmerung am Feuer, und es hat mich nie im Stich gelassen. Auch wenn ich gar nichts erwartet hatte, bin ich immer erleichterter, gelöster vom Feuer weg gegangen als zu ihm hin.

Feueropfer, Feuergeist, Feuersprung

Daher ist das Feuer vielen Kulturen heilig: Im Hinduismus z.B. symbolisiert das Opferfeuer den Mund der göttlichen Mutter. Du opferst ihr das Süßeste, Beste im Bewusstsein des kosmischen Energiekreislaufs. Die Asche aus solchen spirituellen Feuern gilt als geistig und körperlich reinigend: Du kannst dir eine Fingerspitze auf die Stelle des dritten Auges (zwischen den Augenbrauen) und die Zunge tupfen.

Im indianischen Schamanismus spendet das Feuer Kraft, Lebensfreude und Segen. Es ist eines der vier Elemente. Aus ihnen bist auch du körperlich und geistig gemacht und immer mit ihnen verbunden.

Erde meine Mutter, Himmel mein Vater ~ Feuer, Erde, Wasser und Luft ~ ich bin…

Du kannst den Feuergeist rufen, zum Beispiel mit Liedern: So bittest du die Wesenskraft des Feuers um Unterstützung.

Die Perser springen zu ihrem Neujahr Mitte März übers Feuer: Dabei lassen sie alle negativen, gelben Energien los und nehmen alle positiven, roten Energien aus den Flammen mit ins neue Jahr.

Feuer an vielen Orten – finde deinen Platz im Licht

Seit ich um die Transformationskraft des Feuers weiß, habe ich es an vielerlei Orten entzündet: In mini auf einem Teller auf dem Fußboden meiner Wohnung (pssst…!), in einer Feuerschale auf der Terrasse, am Ufer des Rheins, und in riesig auf freiem Feld, sodass es noch am nächsten Morgen glühte.

Du spürst, welche Form jetzt für dich passt. Und du erspürst deinen persönlichen Raum in Kommunikation mit dem Feuer: Es wärmt und erhellt dich, doch kommst du den Flammen zu nah, verbrennst du dich oder deine Kleidung. So findest du deinen Platz im Licht.

Feuermachen: Alles gehört zum Prozess

Wenn du dich bereit machst, etwas dem Feuer zu übergeben, dann gehört alles, was du dafür tust, dazu: das Holzbesorgen oder Sammeln im Wald, das Aussuchen des Feuerplatzes, das Entzünden (das oft Geduld braucht), das Schüren des Feuers, das in die Flammen Sehen, das Singen, Trommeln, Tanzen, Schweigen, das Übergeben deines Themas, das mit dir und mit dem Feuer Sein… und schließlich auch zu erkennen, wann es Zeit ist, die Flammen niederbrennen zu lassen.

"Arunachala" heisst auf Deutsch übersetzt "rot und hell wie Feuer strahlender Berg".

„Arunachala“ heisst auf Deutsch übersetzt „rot und hell wie Feuer strahlender Berg“

Und dann? Dann nimm wahr… Vielleicht ist die Enge weiter geworden, vielleicht ist zu den Vorwürfen, die du in dir trägst, Mitgefühl hinzugekommen. Vielleicht spürst du Freiheit statt Abhängigkeit oder eine neue Dankbarkeit. Du fühlst dich klarer, näher bei dir und mehr in deiner Kraft – spätestens am nächsten Morgen!

Ich möchte dich einladen, mit dem Feuer in Kontakt zu treten. Probier aus, wie es ist, dich ihm anzuvertrauen, und was dann ist. Ich freue mich, wenn du deine Erfahrung hier teilst … und ich wünsche dir von Herzen leuchtende Loslasskraft!

Ein Beitrag von Dorothea Müth

Meine erste spirituelle Begegnung mit dem Feuer war 2011 in Südindien auf einer Postkarte des Bergs Arunachala: Das Bild zeigt dort einen Mann in betender nächtlicher Kommunikation mit dem lebendigen Licht, und ich war fasziniert – ohne damals recht zu verstehen, wieso.

Ich durfte dann einige indianische Schwitzhütten feiern, wofür Steine mehrere Stunden in einem großen Feuer erhitzt werden. Ich bin über glühende Kohlen gelaufen in dem Wunsch, hohe Erwartungen loszulassen. Während eines halben Jahrs in Indien habe ich täglich am Feuer meditiert.

So ist es wohl kein Zufall, dass ich ayurvedisch gesehen ein Feuer-Typ mit großer Verdauungskraft bin, dass Freundinnen in mir einen Feuer-Drachen sehen, und dass mein inneres Kind als Rumpelstilzchen ums Feuer tanzt. Ich kehre immer wieder zum Feuer zurück…!

Fotos (3): Dorothea Mueth. Lektorat: Sandra und Katrin – danke!